Knochen, Fernwärme und andere Fundamente.
Alma sitzt wieder auf der Bank. Hinter den Dächern arbeitet ein Graben. Der Markt redet von Knochen, als wären sie Wetter.
Fall 4 spielt am Rössliplatz und an einem Graben im Quartier. Die Menschen im Text sind erfunden. Die Fernwärme ist Kulisse. Acht Kapitel – jedes endet, bevor du es willst.
Wochenmarkt · jeden Samstag · 08.00–11.00 Uhr · Rössliplatz
8 Kapitel.
Kapitel 1 Pest oder Rohr
Die Sonne stand klar über dem Rössliplatz. Alma Obermaier sass auf der Dorfbank, den Becher in beiden Händen, und liess den Samstag an sich vorbeiziehen, als gehöre das zu ihren Pflichten. Der Kaffee war hellbraun, mit viel Milch, und so süss, dass sich am Boden schon eine klebrige Schicht bildete. Den Ferrari hatte sie an die Knie gerückt. Im Korb lagen der Zürcher Oberländer und der rote Filzstift. Ein paar Kratzer steckten im Lack. Das Dorf nannte das Gebrauchsspuren. Alma nannte es Protokoll.
Am Kafi-Stand schob Bettina Fehr den Zopf unter das Tuch, und der Geruch von warmem Teig hing über dem Pflaster, friedlich und zutraulich. Die Markisen klapperten. Jemand verlangte Milch. Ein Kind liess eine Münze fallen. Alma trank und dachte, der Markt sehe anständig aus, was in ihrem Beruf selten ein gutes Zeichen gewesen war.
Dann hörte sie das andere.
Hinter den Dächern, dorfstrassennah, arbeiteten Männer in einem Graben. Man sah sie vom Rössliplatz aus nicht. Man hörte sie: eine Schaufel gegen Stein, ein Motor, der kurz aufheulte und wieder sank, Stimmen, die sich etwas zuriefen, das der Wind zerriss. Jemand war unter der Strasse beschäftigt, und der Samstag tat so, als ginge ihn das nichts an.
«Noch etwas süsser, Frau Obermaier?» rief Bettina.
«Nur wenn du ihn nachher noch aus dem Becher kriegst», sagte Alma.
Bettina lachte und wandte sich der nächsten Tasse zu. Am Nachbarstand, wo das Gemüse in Kisten lag, redeten zwei Frauen nicht über Knochen, jedenfalls nicht zuerst. Sie redeten über die Kaffeemaschine vom letzten Vereinsanlass, und sie taten das mit einer Gründlichkeit, die Alma fast bewunderte. Wer nach dem Abwasch den Entkalker nicht angesetzt hatte, war eine offene Wunde. Wer die Tassen in die falsche Kiste gestellt hatte, war eine zweite. Die Knochen im Graben kamen erst danach, beiläufig, wie Wetter.
Gestern, sagte die eine, hätten die Männer im Graben etwas gefunden, Knochen mitten in der Trasse, wo die neue Fernwärme durch solle. Alma kannte das Wort vom Oberländer. Fernwärme war eine Leitung unter der Dorfstrasse, heisses Wasser für die Häuser, damit im Winter weniger Kamine rauchten. Fortschritt, schrieb die Zeitung. Fortschritt war, wenn der Wind drehte, ein ferner Motor. Der Zopf blieb Zopf.
Die andere Frau nickte, erleichtert, als habe jemand eine Diagnose gestellt, die niemanden im Quartier etwas anging. Das seien Pestgruben, sagte sie, mittelalterlich, das habe es überall gegeben, früher, wenn man nur tief genug grabe. Dann, ohne den Ton zu wechseln, als gehöre das noch zur Maschine, sagte sie, wenigstens müsse man nicht wie Agnes Keller jedes Jahr eine Kiste im Keller stehen lassen, nur weil der Bruder noch komme und seine Sachen hole. Moritz sei 2006 einfach gegangen, nach dem Thurgau, hiess es, oder nach einer Frau, jedenfalls nicht nach Hause.
Alma blieb sitzen und hörte zu. Sie stellte keine Fragen. Am Markt verriet sich das Dorf am schnellsten, wenn eine alte Frau mit Rollator nur den Kaffee ansah.
Urs Hinterstocker schob sich zwischen den Ständen durch, die Schuhe poliert, das Lächeln schon fertig. Er grüsste nach links und rechts, rückte eine Markise zurecht, die niemanden störte, und blieb vor Alma stehen, als habe die Bank auf ihn gewartet.
«Du hast es gehört», sagte er. «Die Knochen sind alte Pest, Alma. So hat man das früher gemacht, und die Fernwärme hat damit nichts zu tun. Das Werk auch nicht, das Image erst recht nicht. Die Leute sollen nicht glauben, bei uns liege unter jeder Strasse etwas Unanständiges.»
Alma nahm einen Schluck.
«Wenn es die Pest ist», sagte sie, «muss niemand nachschauen, wer fehlt.»
Hinterstocker blinzelte, wie jemand, der den Witz gehört und die Diagnose verpasst hatte. «Genau. Die Historiker und die Fachleute sollen das einordnen, und wir machen den Markt. Nächste Woche kommt noch jemand von der Gemeinde zum Fotografieren. Da soll der Platz aussehen, als hätte niemand unter dem Pflaster etwas zu suchen.»
Er lächelte verletzt, obwohl Alma höflich geblieben war, und ging weiter. Alma setzte den Becher nicht ab. Hinter den Dächern rief jemand im Graben nach einer Pause. Die Schaufel hörte nicht auf.
Heiri Landolt kam von der Seite, in der Alma die Brunnenmeister kommen sah: ohne Eile, mit nassen Stiefeln auf dem trockenen Pflaster, als habe er den Morgen schon in einem Schacht verbracht. Bettina hob eine Tasse. Heiri schüttelte den Kopf, einmal, und die Tasse blieb leer. Er trank nichts. Er blieb am Rand der Bank stehen und nickte Alma zu, als habe er einen Termin mit dem Pflaster.
«Heiri», sagte Alma.
Er sah zur Dorfstrasse hin, wo der Lärm herkam, und wieder zu ihr.
«Rohr», sagte er.
Alma wartete. Heiri sagte sonst wenig, und wenn er wartete, meinte er den Rest. Hinterstocker war schon drei Stände weiter und erklärte, dass Pestgruben zum kulturellen Erbe gehörten. Die Menge hörte ihm zu. Heiri nicht.
«Das Rohr hält nicht», sagte er leise, nur für sie. «Was darunter liegt.»
Alma griff zum Griff des Ferrari. Der Graben blieb hinter den Dächern. Er war nah genug.
Kapitel 2 Der Schacht
Alma rollte den Ferrari vom Rössliplatz weg, den Becher noch in einer Hand, bis der Weg zu schmal wurde für beides. Sie stellte den Kaffee an den Fuss einer Laterne. Bettina würde ihn finden oder die Ameisen. Hinter ihr blieb der Markt, warm und laut, als hätte niemand von Knochen gesprochen. Vor ihr wuchs der Lärm der Männer, die in der Dorfstrasse in einem Graben standen.
Heiri Landolt ging voraus, ohne sich umzusehen. Brunnenmeister liefen nicht. Sie kamen an. Das Pflaster war hier aufgerissen. Bretter lagen als Steg über dem Matsch, und Alma schob den Ferrari vorsichtig darüber, ein Rad nach dem anderen. Die Kratzer am Lack holten sich neuen Dreck. Das gehörte sich so.
Am Rand hing Absperrband, nachlässig, als habe es jemand nur für das Gewissen gespannt. Drei Männer in Warnwesten standen oben und tranken Kaffee aus Bechern ohne Zucker, was Alma für eine unnötige Härte hielt. Sie redeten nicht über den Fund. Sie redeten darüber, wessen Schicht die Pause bezahle und ob Historiker zum Mittagessen zählten. Gestern sei das gewesen, sagte einer und deutete mit dem Kinn in den Graben, ohne hinunterzusehen. Heute wollten sie weiter. Sie grüben, wo man ihnen den Strich hinlege. Der Rest sei Sache der Gemeinde.
Alma blieb hinter dem Band, weil sie keine Polizistin war und Ferrari kein Ausweis. Aber sie sah.
Unten, in der nassen Erde, wo die neue Leitung durch sollte, lag, was das Dorf Pest nannte. Alma ging nicht näher, als das Band erlaubte. Vierzig Jahre Pflege hatten ihr beigebracht, aus Farbe und Zeit eine Wahrheit zu machen, ohne sie anzufassen.
Die Knochen waren dunkel von der Erde, nicht hell von gestern. Wer am Freitag in einen Graben stürzt, sieht anders aus. Frisch ist feucht und unbequem und hat noch jemanden, der nach Feierabend fragt. Das hier war trocken in den Brüchen, alt in der Farbe, und trotzdem nicht so alt, wie Hinterstocker es gerne gehabt hätte. Knochen aus einer Pestgrube bröseln, wenn man sie hebt. Museumsknochen stauben. Diese lagen, als hätte sie jemand hingelegt und gehofft, die Strasse darüber mache den Rest.
«Das ist nicht mittelalterlich», murmelte Alma, «und auch kein Unfall von dieser Woche.»
Heiri hörte es und nickte, einmal, als reiche das. Er war nicht wegen der Knochen da. Er war wegen des Rohrs.
Neben der neuen Trasse, einen Schritt tiefer, sass ein runder Deckel im Dreck, älter als die Fernwärme, älter als die Männer in den Westen. Ein Schacht. Heiri kniete, ohne Theater, und schob den Deckel zur Seite. Darunter stank es nach nassem Eisen und nach etwas, das zu lange keine Luft gesehen hatte. Alma blieb stehen. Sie mochte Schächte. In der Pflege hatten Löcher oft gesagt, was Betten verschwiegen.
«Rohr», sagte Heiri, und diesmal meinte er das, was man sehen konnte: ein altes Brunnenrohr, angerissen, nass, als habe es nachgegeben, weil jemand darunter keinen Platz mehr lassen wollte.
Er griff hinein, nicht tief, nur so weit, wie ein Arm reicht, der Rohre kennt. Als er die Hand wieder hochzog, lag darin keine Leitung und kein Gold. Eine Blechschachtel, stumpf, verbeult, mit einem Deckel, der nicht mehr richtig schloss. Dreck klebte in den Kanten. Sie sah aus, als habe sie gewartet.
Einer der drei Männer machte einen Schritt näher. «Weg damit», sagte er. «Sonst kommt das in den Container, und wir müssen weiter.»
Alma rollte den Ferrari an den Rand des Stegs, genau dorthin, wo der Mann mit den Schuhen hinwollte. Der Korb war offen. Heiri verstand das ohne Satz und legte die Schachtel zwischen den Oberländer und den Filzstift, als gehöre sie in ein Archiv und nicht in den Abfall.
«Danke, Heiri», sagte Alma. «Container haben kein Gedächtnis.»
Der Mann zuckte mit den Schultern und ging zurück zu seiner Pause. Er wollte Feierabend, nicht Geschichte. Heiri schob den Deckel nicht ganz zu. Alma fasste in den Korb, nur um die Schachtel zurechtzurücken, und hielt inne.
Sie war schwerer als Blech.
Alma liess den Deckel der Schachtel, wo er war. Am Graben öffnete man nichts, das jemand schon einmal zugemacht hatte, damit es niemand findet.
Sie nahm den Griff des Ferrari. Hinter ihr rief der Markt weiter nach Milch. Vor ihr blieb der Schacht offen, ein dunkles Rund im Dreck, und im Korb lag das Blech und war zu schwer.
Kapitel 3 Ferrari am Schacht
Sophie Unterdorf kam den Steg entlang, als hätte das Absperrband auf eine richtige Uniform gewartet. Alma kannte sie vom Markt und von den letzten Wochen, in denen das Dorf gelernt hatte, dass eine junge Polizistin Fragen stellte, die Hinterstocker lieber auf Flyer gedruckt hätte. Die drei Männer mit dem Kaffee wurden auf einmal kleiner.
«Frau Obermaier», sagte Sophie. Nicht Kindchen, und nicht am Graben. «Sie sollten hinter die Absperrung.»
«Ich bin hinter der Absperrung», sagte Alma. «Ferrari auch. Er ist pedantisch, und der Korb ist voll.»
Sophie sah in den Korb. Die Blechschachtel lag zwischen Zeitung und Filzstift, stumpf und zu schwer. Sophie wollte etwas Dienstliches sagen und tat es nicht.
Hinter ihr knisterte das Funkgerät. Reto Zürcher meldete sich mit dem Tonfall eines Mannes, der den Markt um elf wieder anständig haben wollte. Er war nicht dumm. Er war zuständig. Bauunfall, sagte er, oder archäologisch, und beides bedeute dasselbe für den Samstag: keine Unruhe, keine Angehörigen vor dem Zopf. Die Fernwärme solle man nicht belasten, solange niemand beweise, dass die Männer falsch gegraben hätten. Die Leute da unten grüben, wo man ihnen den Strich hinlege. Alma hörte das Wort Unruhe und übersetzte es still: bitte keine Namen, die das Dorf noch kennt.
Urs Hinterstocker kam den Weg herauf, rot im Gesicht und voller Nützlichkeit. Er hatte eine Geschichte dabei, die schon auf einem Flyer Platz gehabt hätte.
«Wir müssen den Graben sichern», sagte er. «Für uns alle, für das Werk und für das Image. Nächste Woche kommt die Gemeinde zum Fotografieren. Die Leute sollen nicht glauben, Robenhausen liege auf einem Friedhof, und die Fernwärme erst recht nicht. Die armen Leute graben nur.»
«Die armen Leute graben, wo man sie hinsendet», sagte Alma. «Schuld ist das nicht, und Pest ist es auch nicht. In diesem Dorf ist ein Loch erst dann ein Problem, Urs, wenn es das Pflaster unordentlich macht.»
Hinterstocker blinzelte. Sophie sah Alma an.
«Die Knochen sind alt», sagte Alma ruhig. «Sie sind nicht von gestern und nicht von 1620. Jemand hat sie hingelegt und die Strasse darüber bestellt. Die Schachtel lag im Schacht, nicht im Mittelalter.»
Sophie schluckte. Sie hatte, das hörte Alma an der Pause, schon vor dem Funk an Akten gedacht und nicht an Pest. «Reto sagt Bauunfall, bis das Labor etwas anderes sagt. Ich habe trotzdem die Vermissten von hier rausgesucht. Wenn Knochen so alt sind und so ordentlich liegen, fehlt oft jemand, den das Dorf schon beerdigt hat, ohne ein Grab.»
«Reto sagt, was den Samstag nicht stört», sagte Alma. «Du darfst später genauer sein.»
Ein Mann mit einem Eimer kam den Steg herüber, als gehöre Zuschütten zur Pause. Er gehörte nicht zu den dreien mit dem ungesüssten Kaffee. Die dreien wollten Feierabend. Dieser wollte, dass der Schacht wieder Erde war. Hinterstocker hob ermutigend die Hand, als sei Anstand eine Anweisung.
Alma rollte den Ferrari vor, genau an die Stelle, wo der Eimer hinwollte. Ein Rad schob sich gegen den Deckel. Der Griff verkeilte sich am Rand des Schachts, als hätte jemand Absicht mit Metall gebaut. Der Mann blieb stehen, den Eimer in der Luft, und sah aus wie jemand, dem man den Fortschritt weggenommen hatte.
«Alma, bitte», sagte Hinterstocker. «Das Pflaster.»
«Das Pflaster wartet», sagte Alma. «Knochen nicht. Der Deckel bleibt, bis Sophie sagt, dass er gehen darf.»
Sophie atmete aus. Dann zog sie das Band straffer, stellte sich neben Ferrari, nicht dagegen, und nahm dem Mann den Eimer ab, höflich, als sei das Kehrwoche. «Niemand schüttet das zu, Urs, nicht zum Sichern und nicht zum Image. Die Fernwärme hat nicht schlecht gegraben. Sie hat gefunden, was schon da war.»
Hinterstocker hob die Hände, als sei er der Verletzte. Reto funkte noch einmal etwas von Historikern. Sophie drehte das Gerät leiser.
Sie trat einen Schritt zu Alma. Die Stimme war nur für sie.
«In den Akten von 2006 fehlt hier jemand», sagte Sophie leise. «Kein Unfall, kein Grab, nur ein Satz im Oberländer, und dann Stille.»
Alma sah auf die Schachtel im Korb. Sie kannte den Namen, seit Agnes Keller am Kafi gefehlt hatte und das Dorf Trauer gesagt hatte, weil Trauer bequemer war als Nachschauen. Agnes hatte samstags schwarz getrunken und manchmal von einem Bruder gesprochen, der noch komme und seine Kiste hole.
«Moritz Keller», sagte sie. «Agnes’ Bruder.»
Kapitel 4 Uhr und Papier
Sie öffneten die Schachtel nicht am Graben. Alma rollte den Ferrari zurück gegen den Markt, bis der Lärm der Männer kleiner war als der der Markisen, und blieb an einer Bank neben der Kirche stehen. Von hier aus klang der Samstag wieder nach Zopf. Nur die Schachtel im Korb wusste, dass das nicht stimmte.
Sophie setzte sich, ohne die Uniform abzulegen. Alma blieb auf der Bankkante, den Ferrari neben der Bank. Heiri Landolt war ihnen ein Stück gefolgt, nasse Stiefel auf trockenem Kirchplatz, und trank wieder nichts.
Alma schob den Deckel zur Seite. Dreck fiel auf das Pflaster, und niemand kehrte ihn. Darin lag keine Münze und kein Testament, das man vorlesen konnte. Eine Armbanduhr, das Glas matt, das Band steif vor Erde. Auf der Rückseite stand ein Name, klein, von einem Graveur, der noch an Beständigkeit geglaubt hatte: Moritz Keller.
Sophie atmete aus, einmal.
Alma drehte die Uhr in der Hand, nicht weil sie Uhren las, sondern weil sie vierzig Jahre lang gesehen hatte, was Menschen mitnahmen und was sie liegen liessen. Wer ging, nahm oft das mit, was am Handgelenk sass. Wer blieb, oder bleiben musste, verlor es an eine Schublade. Am Gemüsestand hatte eine Frau gesagt, Agnes lasse jedes Jahr eine Kiste im Keller stehen, weil der Bruder noch komme. Alma sagte das nicht laut. Sie legte die Uhr zurück, als sei sie nur ein Gegenstand.
Darunter, gefaltet, nass an den Kanten, lag ein Kaufvertrag. Alma las nicht zuerst den Briefkopf. Sie las das Datum. 2006. Dann die Firma: Rietgrund Substanz GmbH. Denselben Namen hatte das Dorf schon gehört, als Agnes Keller dreimal Nein gesagt hatte zu ihrem Flarz am Immenrain und trotzdem tot im Wasser lag. Letzte Bewohner, stand auf dem Papier. Agnes Keller, Unterschrift. Die Linie war leer. Daneben Moritz Keller, Bruder, ebenfalls eine Linie. Ebenfalls leer.
«Sie haben beide Nein gesagt», murmelte Sophie.
«Moritz zuerst», sagte Alma. «Dann war er gegangen, und das Dorf hat Trauer daraus gemacht, weil Trauer keine Polizei braucht. Agnes hat denselben Käufern später noch dreimal Nein gesagt. Vor ein paar Wochen hat man sie an der alten Badi aus dem Wasser gezogen. Offiziell war sie ausgerutscht. Ivo Suter hat sie hineingehalten und sitzt dafür. Derselbe Nachname steht hier am Rand, dieselben Käufer stehen im Briefkopf, und das Gesicht oben fehlt immer noch.»
Sophie fotografierte, Seite für Seite, als traue sie dem Blech nicht. Alma rückte den Ferrari näher, als müsse der Korb den Vertrag auch sehen. Im Oberländer knisterte Papier. Agnes hatte Moritz als stur bezeichnet, aber nicht als feige. Stur blieb im Haus. Feige ging in den Thurgau und schickte eine Karte.
Heiri sah auf seine Stiefel.
«Rohr», sagte er. Dann, weil Alma wartete: «Es ist zu dünn. Es hält nicht. Ich schätze, es sollte nicht halten. Ich sage wenig.»
«Wenig reicht», sagte Alma. «Absicht reicht, wenn sie nass ist.»
Sophie faltete den Vertrag zurück in die Schachtel, nicht in den Korb. Die Spur gehörte dem Gesetz, nicht dem Rollator. Alma liess es. Sie hatte vierzig Jahre lang zugelassen, dass man sie für harmlos hielt. Harmlos durfte der Korb leer aussehen.
Am Rand des Vertrags, in Bleistift, stand ein Satz, der nicht fürs Archiv gedacht war: Ausführung Immenrain, K. Suter, im Auftrag.
Alma las ihn zweimal. Ivo Suter hatte Agnes ins Wasser gebracht. Ivo war 2006 sechzehn gewesen. K. war ein anderer Suter, älter, dieselbe Familie, derselbe Auftrag. Im Auftrag hiess: jemand hatte die Arbeit nicht selbst gemacht. Jemand hatte sie bestellt. Dieselbe Firma schickte samstags keine Gesichter auf den Markt.
«Kindchen», sagte Alma leise. «Nächsten Samstag suche ich nicht den Neffen. Ich suche den Buchstaben davor.»
Kapitel 5 Zuschütten
Eine Woche später tat der Rössliplatz so, als könne man Fortschritt und Zopf in denselben Becher rühren. Die Sonne stand wieder klar. Die Markisen waren trocken. Hinter den Dächern hämmerte es weniger. Alma Obermaier sass auf der Dorfbank. Der Ferrari stand neben ihr, im Korb der Oberländer und der Filzstift. Die Schachtel lag nicht mehr darin. Sophie hatte das Blech mitgenommen. Alma vermisste das Gewicht. Gewicht log seltener als Klatsch.
Bettina schob den Zopf unter das Tuch. Jemand verlangte Milch. Alma trank und verzog das Gesicht. Der Kaffee war schwarz und ohne Zucker, als hätte Bettina sie mit den Männern vom Graben verwechselt.
«Bettina», sagte Alma. «Die ohne Zucker stehen im Graben. Ich sitze noch hier.»
Bettina lachte, kam mit dem Löffel, und Alma rührte, bis der Samstag wieder nach ihr schmeckte. Hinterstocker sagte jedem, der es hören wollte, und jedem, der es nicht wollte, der Graben sei bald wieder anständig. Die Gemeinde habe fotografiert, fast. Fast zähle in Robenhausen nicht. Anständig war das höchste Amt nach dem Kaffee.
Am Gemüsestand tuschelten dieselben zwei Frauen, nur mit neuer Diagnose. Die Kaffeemaschine war inzwischen gereinigt, das hörte Alma am Ton, und jetzt brauchte der Samstag ein anderes Thema. Ein Fluch auf der Fernwärme, sagten sie. Die Leitung ziehe Unglück, so tief, und wer Knochen finde, solle nicht weitergraben. Oder Ivo. Ivo Suter, der mit dem Lieferwagen, der Agnes in den Aabach gebracht hatte. Wer einmal nachts am Wehr stehe, stehe auch 2006 im Keller. Alma trank und hörte zu. Das Dorf liebte glatte Linien. Eine Familie, ein Nachname, ein Täter für alles, dann konnte man den Zopf in Ruhe essen.
Urs Hinterstocker blieb vor der Bank stehen, die Schuhe poliert, das Gesicht erleichtert.
«Siehst du», sagte er. «Das mit Ivo hätte man wissen können. Die Knochen gehören in denselben Zug, und dann ist die Sache erledigt. Die Fernwärme ist fein raus, das Image auch, und wir müssen uns nicht aufregen.»
«Ivo war 2006 sechzehn», sagte Alma. «Mit sechzehn verscharrt man Hausaufgaben, Urs, aber keine Brüder.»
Hinterstocker blinzelte, wie jemand, dem man den Flyer aus der Hand genommen hatte. «Dann bleibt der Onkel. Karl sitzt im Heim und kann nichts mehr, auch 2006 nicht. Der ist harmlos, Alma. Ich habe ihn noch gekannt, als er auf den Dächern war. Solide Leute, nicht wie die Neffen heute.»
Alma nahm einen Schluck. In Robenhausen nannte man ein Heim, und jeder wusste welches. Hinterstocker ging weiter, zufrieden, den Onkel weggeräumt zu haben, ohne zu merken, dass er ihn erst hingestellt hatte. Harmlos, dachte Alma, war in diesem Dorf oft der, der nicht mehr widersprechen kam.
Vom Dorfstrassenende her kam ein Mann in einer sauberen Warnweste, zu freundlich für eine Pause und zu eilig für den Markt. Es war nicht einer der drei Arbeiter von letzter Woche, die ohne Zucker am Graben gestanden und über die Pause gestritten hatten. Es war der Polier. Er grüsste Bettina, kaufte keinen Zopf und blieb bei Alma stehen, als sei eine alte Frau mit Rollator das Harmloseste auf dem Platz.
«Schöne Arbeit, Frau Obermaier», sagte er, ohne Grund. «Der Ferrari ist gut in Schuss. Wir müssen Tempo machen, wegen des Zeitplans und der Substanz. Was im Schacht war, gehört nicht auf den Markt. Das verstehen Sie.»
Alma lächelte, höflich wie beim Tee. «Ich verstehe, dass jemand Tempo braucht, wenn etwas gefunden wurde, das keine Pest ist.»
Der Polier lachte, zu glatt. Er nannte keine Firma und kein Gesicht. Er sprach von Substanz, als sei das ein Wetter. Alma hörte den Briefkopf trotzdem. Rietgrund schickte samstags keine Mäntel. Es schickte Männer, die keinen Zopf kauften, und Sätze, in denen niemand vorkam.
«Weniger Verkehr», sagte der Polier schon halb auf dem Weg zurück zum Graben. «Was im Schacht war, gehört nicht auf den Markt. Ehrlich.»
Alma blieb sitzen. Die Schachtel war bei Sophie. Karl Suter lag im Heim, der Polier wollte Tempo, und der Buchstabe K. hatte plötzlich eine Adresse.
Kapitel 6 Karl
Das Heim lag hinter Tannen, die sich zu viel Mühe gaben, anständig auszusehen. Hinterstocker hatte am Markt «das Heim» gesagt, wie man in Robenhausen den Zahnarzt sagte: es gab eines, das zählte. Alma rollte den Ferrari über den Kies, als mache sie Kehrwoche. Der Samstag war noch nicht vorbei. In Robenhausen kam man mit Kehrwoche weiter als mit der Wahrheit. Eine Pflegerin am Eingang nickte ihr zu, weil alte Frauen mit Rollator zu den Inventarstücken gehörten, die man nicht kontrollierte.
«Ich schaue nach Karl», sagte Alma. «Suter. Vom Quartier.»
Das war nicht ganz gelogen. Den Nachnamen hatte sie am Rand eines Vertrags gelesen, den Onkel hatte Hinterstocker auf den Markt gelegt, und Ivo Suter sass, weil er Agnes Keller ins Wasser gehalten hatte. Den Mann hinter dem K. hatte Alma noch nie gesehen.
Karl Suter sass am Fenster eines Zimmers, das nach Reinigungsmittel und nach zu wenig Besuch roch. Anfang achtzig, Hände wie jemand, der gearbeitet hatte, Mund wie jemand, der noch nicht vorhatte, etwas herzugeben. Alma stellte den Ferrari an das Bett, den Korb offen, harmlos, und zog den Stuhl so nah, dass man von draussen nur eine Rentnerin sah, die einem Alten die Zeit stahl.
«Sie sind nicht von der Kehrwoche», sagte Karl. Die Stimme war trocken. «Sie sind die mit dem Ferrari vom Markt. Ivo hat von Ihnen erzählt. Er findet Sie unfreundlich. Gehen Sie.»
«Ivo sitzt», sagte Alma. «Weil er Agnes Keller an der Badi ins Wasser gehalten hat, nicht weil 2006 jemand unter einem Flarz verschwunden ist. Das ist unfreundlich von der Wahrheit, nicht von mir.»
Karl sah aus dem Fenster. Draussen kehrte jemand Laub, das niemanden störte.
«Das sind alte Knochen vom Bau», sagte er. «Ivo redet Unsinn, wenn er Angst hat. Ich war 2006 am Arbeiten, und das war ein Unfall, wenn es überhaupt einer war. Keller war stur. Er hat nicht zugehört. Er hat gedacht, ein Haus sei eine Meinung. Sie können den Zopf woanders essen.»
Alma blieb sitzen. Sie trank nichts, weil sie nichts dabeihatte, und wartete, wie man in der Nacht bei Patienten gewartet hatte, die zuerst Nein sagten und später den Namen der Schmerzen. Karl war kein Comic. Er war ein Mann, der noch immer glaubte, Arbeit und Auftrag seien dasselbe, solange niemand den Unterschied ausspreche.
«K. Suter, im Auftrag», sagte sie. «Immenrain. Die Linie von Moritz Keller ist leer, die von Agnes auch. Jemand hat die Knochen später in die Trasse gelegt, damit die Leitung darüber kann. Hinterstocker sagt, Sie seien harmlos. Harmlos ist in diesem Dorf oft der, der nicht mehr auf den Markt kommt.»
Karl lachte nicht. Er hielt das Nein noch einen Atemzug, dann zwei. Die Hände lagen auf der Decke, als gehörten sie noch auf ein Dach. «Es war ein Unfall», sagte er zuerst, wie man es gelernt hatte. Dann, leiser, weil Alma immer noch da sass und weil alte Frauen mit Rollator in diesem Zimmer niemand Ernstes sein durften: «Keller wollte nicht verkaufen. Ich sollte nur Druck machen, nicht so, dass es nachher noch jemand findet. Später, als die Leitung kam, durfte er nicht unter dem Haus bleiben. Also habe ich ihn weggebracht, in die Trasse, zum alten Rohr.»
Alma nickte. Sie stellte keine Fragen, die ein Gericht brauchte. Sie stellte die, die ein Samstag brauchte.
«Im Auftrag», sagte sie.
Karl sah auf seine Hände. «Im Auftrag, ohne Namen, nur Substanz und Zeitplan. Ich habe den Keller geleert. Ivo war ein Junge. Lassen Sie den Jungen.»
An der Wand hing kein Bild. In der Schublade des Nachttischs, die Karl ohne Aufforderung aufzog, als wolle er etwas loswerden, das schon zu lange bei ihm wohnte, lag eine Rechnung, das Papier gelb. Sanierung, 1984. Ein Name, den Alma von der Station her kannte, von Durst und Wasser und von einem Jahr, das sie nicht an einem Vormittag löste. Sie faltete den Zettel, steckte ihn in den Korb, unter den Oberländer, und liess 1984, wo es hingehörte: im Staub.
«Der Graben ist nicht zu», sagte Karl. Er sah Alma an, ohne Feindschaft. «Solange die Schachtel bei der Polizei ist, kommt jemand. Nicht ich. Ich komme nicht mehr aus diesem Zimmer. Jemand mit einem Eimer.»
Alma erhob sich. Der Ferrari knackte, wie er knackte, wenn er Arbeit hatte.
«Danke, Karl», sagte sie. «In Robenhausen glaubt man die Pest, wenn man sie auf einen Flyer druckt. Sie haben wenigstens den Keller behalten.»
Auf dem Gang rief sie Sophie an. Die gelbe Rechnung behielt sie. Sie gab nur den Kern weiter: dass Karl Suter 2006 zuerst im Keller gewesen war und danach in der Trasse, im Auftrag, und dass noch jemand kommen werde, mit einem Eimer.
Sophie atmete am anderen Ende aus, wie jemand, der eine Akte zumachen darf. «Dann haben wir ihn», sagte sie. «Den Mann von 2006. Reto kann den Graben der Gemeinde überlassen. Das Labor bestätigt das Alter, Karl redet, die Uhr trägt den Namen. Das reicht für uns.»
«Es reicht für den Keller», sagte Alma. «Ich bin noch nicht sicher, ob es für die Strasse reicht.»
Sie legte auf, bevor Sophie nachfragen konnte. Hinter den Tannen kehrte jemand weiter Laub. Alma rollte auf die Strasse hinaus und dachte, dass Handschellen für Onkel reichten und für Mäntel nicht.
Kapitel 7 Der Eimer
Am Rössliplatz war der Markt schon halb eingepackt. Alma kam vom Heim, der Kies noch an den Rädern. Bettina hob den restlichen Zopf vom Brett und schob ihn in eine Schachtel, nicht weil jemand ihn noch kaufen wollte, sondern weil ein Brett mit Resten nach Nachlässigkeit aussah. Hinterstocker half einer Frau, eine Kiste mit Gläsern vom Rand des Platzes hinter den Stand zu tragen. Die Frau sagte, ihre Tochter wolle das Haus zeigen, und Käufer sähen zuerst den Keller. Was nach übrigem Leben aussehe, müsse vorher weg.
Alma blieb am Ferrari stehen.
Agnes hatte jedes Jahr eine Kiste im Keller stehen lassen, weil Moritz noch komme. Die Frau auf dem Platz räumte Gläser weg, damit niemand sah, dass noch jemand gelebt hatte. Alma dachte an den Flarz am Immenrain und daran, dass Knochen unter einer Strasse weniger stören als Knochen unter einem Haus, das verkauft werden soll. Sie hatte die ganze Zeit gefragt, wer unter dem Pflaster liege. Die bessere Frage war, wer den Keller leer gebraucht hatte.
Sie rollte nach Hause, liess den Kies an den Rädern und kam abends wieder.
Abends war der Graben stiller als der Markt, und trotzdem nicht still. Eine Lampe stand schief am Rand. Das Absperrband hing straffer als am Samstagmorgen: Sophie hatte nach Karls Anruf niemanden mehr zum Zuschütten eingeladen. Alma wartete am Ferrari, die Hände am Griff. Die Schachtel war nicht im Korb. Sie lag im Posten, wo Erde nichts zu suchen hatte.
«Kindchen», sagte Alma. «Karl meinte den Polier vom Markt, den ohne Zopf. Reto darf die Akte nicht zumachen. Karl war 2006 im Keller. Jemand anders will heute den Schacht.»
«Reto sagt, wir sollen nicht dramatisieren», sagte Sophie. «Wir haben eine Aussage, ein Labor und eine Uhr.»
«Reto sagt das, seit ich ihn kenne», sagte Alma. «Dramatisch ist in diesem Dorf nur der Kaffee, wenn der Zucker ausgeht. Die Frau am Platz hat ihre Gläser nicht versteckt, weil sie etwas getötet hat. Sie hat sie versteckt, weil Gäste in den Keller schauen. Das ist derselbe Reflex, nur älter.»
Er kam ohne die Pause vom Steg und ohne den Eimer von letzter Woche. Dieselbe saubere Warnweste, dasselbe Tempo, ein Sack Erde auf der Schulter, als könne man eine Akte zum Verschwinden bringen, wenn man nur genug Dreck darüberkippt. Es war der Polier. «Schöne Arbeit, Frau Obermaier», hatte er am Morgen gesagt. Jetzt sagte er zuerst nichts. Er blieb vor Sophie stehen, als sei Uniform ein Missverständnis.
«Die Schachtel oder der Schacht», sagte er. «Beides ist nicht fürs Pflaster. Es geht um den Zeitplan und um die Substanz. Sie verstehen das.»
«Ich verstehe Säcke», sagte Alma. «Ein Sack Erde ist kein Argument. Höchstens ein Hinweis, dass jemand den Samstag nicht abwarten will.»
Er ging nicht zum Deckel, um ihn zuzuklemmen. Er ging an das Band, um drumherumzutreten und den Sack über dem alten Rund auszukippen, bevor jemand morgen noch einmal hineinsah. Sophie trat in den Weg, nicht der Ferrari. Diesmal war das Gesetz zuerst da.
«Herr», sagte sie, «das ist ein altes Tötungsdelikt. Die Erde bleibt im Sack. Die Schachtel bleibt im Posten.»
Der Polier versuchte es trotzdem, einen Fuss schon im Matsch, den Sack gehoben. Alma rollte den Ferrari nicht an den Deckel. Sie rollte ihn auf die einzige Reihe Bretter, die noch als Steg diente. Ohne die Bretter kam der Sack nicht über den Graben, es sei denn, jemand bat eine alte Frau, den Rollator wegzuschieben. Das tat er nicht. Männer mit Tempo baten ungern.
Für einen Moment sah er aus, als wolle er noch etwas Freundliches sagen, das nach Zeitplan klang. Dann klingelte in seiner Jacke ein Telefon. Er nahm ab, Freisprecher, unabsichtlich oder mit der Höflichkeit von Leuten, die keine Gesichter brauchen. Eine Stimme, teuer und trocken, sprach von Substanz und davon, dass man keine Namen brauche, und davon, dass ein Sack genüge. Der Briefkopf in Almas Kopf ergänzte sich von selbst: Roman Lutz. Er war nicht hier, und er kam nicht in Handschellen.
Sophie nahm dem Polier nicht das Telefon. Sie nahm den Sack. Er sah auf seine leeren Hände, lächelte dünn, und ging den Weg zur Dorfstrasse zurück, als sei die Nacht eine Baustelle, die man verschieben konnte.
Alma nickte zum dunklen Rund im Dreck. «Karl wird reden, weil er alt geworden ist. Der andere bleibt am Telefon.»
Hinter den Dächern klapperte irgendwo noch eine Markise, verspätet, als habe Robenhausen vergessen, den Samstag auszuschalten. Sophie stellte den Sack neben das Band. Ferrari blieb auf den Brettern. Lutz blieb frei.
Kapitel 8 Wieder anständig
Am nächsten Marktsamstag tat der Rössliplatz so, als habe unter der Dorfstrasse nie jemand gelegen. Die Markisen klapperten. Alma sass auf der Bank und trank. Hinter den Dächern hämmerte niemand. Das Pflaster war zu, die Bretter weg, der Steg eine Erinnerung für Leute, die hinsehen. Hinterstocker erschien mit dem Gesicht eines Mannes, der eine Kehrwoche gewonnen hatte.
«Wieder anständig», sagte er. «Siehst du, Alma. Der Graben ist zu, das Werk ist fein raus, und das Image hält. Die Leute können über den Zopf reden, nicht über Knochen. Robenhausen hat eine Oberfläche, und die Oberfläche hält.»
«Die Oberfläche hält», sagte Alma, «bis jemand wieder ein Rohr braucht.»
Hinterstocker lächelte verletzt, rückte eine Kiste zurecht, die niemanden störte, und ging weiter. Das Dorf brauchte Leute, die Lärm machten, während andere den Oberländer aufklappten. Am Gemüsestand stritten dieselben zwei Frauen wieder über Tassen. Alma hörte zu und dachte, das sei kein Fehler des Marktes. Das sei seine Arbeit.
Sophie kam kurz vorbei, ohne Uniformjacke über dem Arm, als sei Dienst und Markt verwandt. «Karl redet», sagte sie. «Die Aussage reicht für das, was 2006 im Keller passiert ist, und für die Knochen in der Trasse. Für den Rest brauchen wir Papier, Anwälte und Zeit. Lutz telefoniert immer noch.»
«Lutz bleibt trocken», sagte Alma. «In Robenhausen wird zuerst das Pflaster geflickt, die Mäntel danach. Die Pest war bequem, Ivo war zu glatt, und die Fernwärme hat nur gegraben. Karl hat den Bruder aus dem Haus geschafft, weil Käufer den Keller sehen. Die Uhr lag nicht in der Schachtel, weil Moritz gegangen ist. Sie lag dort, weil die Arbeit fertig war.»
Sophie nickte. «Bis einer nass wird.»
Heiri Landolt blieb am Rand der Bank stehen, die Stiefel fast trocken, was bei ihm schon Festtag war. Bettina hob eine Tasse. Heiri schüttelte den Kopf, einmal. Er trank nichts.
«Rohr», sagte er. «Es ist geflickt. Darunter liegt jetzt nichts Sichtbares.»
«Sichtbares wartet selten im Rohr», sagte Alma. «Es wartet in der Zeitung.»
Sie griff in den Korb, holte den Oberländer und den roten Filzstift. Auf einer inneren Seite, klein, zwischen Land und Immobilien, stand ein Verkauf. Ein Flarz, nicht am Immenrain, ein Stück weiter im Oberländer, schon verkauft, Briefkopf, den man kennen konnte, wenn man ihn einmal in einer Schachtel gesehen hatte. Alma kreiste nichts Lautes ein. Nur den Ort, den Namen, den Satz «verkauft». Später.
1984 lag unter dem Filzstift, ein gelber Zettel, und ging nicht auf. Alma liess es. Manche Rechnungen löste man nicht zwischen Zopf und Milch.
«Kindchen», sagte sie zu Sophie. «Karl hat die Arbeit gemacht. Die Macht trägt Mäntel und kauft den nächsten Flarz, bevor das Dorf den ersten verdaut hat.»
Sophie sah auf den Kreis im Papier. Alma rollte den Ferrari ein Stück vor, als teste sie die Räder.
«Komm», sagte sie leise. «Robenhausen ist wieder anständig. Das nächste Haus nicht.»