Chunnt no.
De nächst Krimi isch underwägs.
De Kafi isch hell. D Gschicht isch dunkler.
D Alma luegt dorthin, wo anderi wäglueged.
De Wuchemärt isch de Tatort.
De erschti Fall isch da – es chömed meh.
Fall 1 · 16 Kapitel
BioBackstube Weizenglück
De nächst Krimi isch underwägs.
Robenhausen hat ein Geheimnis – und es ist dunkler als der Kaffee von Alma Obermaier. Die 75-jährige ehemalige Altenpflegerin hat in ihrem Berufsleben alles gesehen und blickt mit klinischer Präzision dorthin, wo andere wegsehen.
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was hinter der idyllischen Fassade unseres Wochenmarktes wirklich passiert? Wenn das geschäftige Treiben am Rössliplatz verstummt und die Schatten länger werden, beginnt eine ganz andere Geschichte.
Begleiten Sie Alma und ihren berüchtigten Rollator «Ferrari» durch die Gassen von Wetzikon. Tatort Robenhausen: eine Serie über dunkle Geheimnisse, menschliche Abgründe und eine Ermittlerin, die man niemals unterschätzen sollte.
Ganz ohne Giftmord vor Ort – dafür mit frischen Köstlichkeiten und echtem Dorfcharakter. Kommen Sie vorbei, geniessen Sie Ihren Kaffee (vielleicht wie Alma mit ordentlich Milch und Zucker) und halten Sie die Augen offen.
Wuchemärt · jedä Samschtig · 08.00–11.00 Uhr · Rössliplatz
Die fahle Morgensonne kämpfte sich mühsam durch die Nebelschleier, die vom Pfäffikersee herüberzogen und den Rössliplatz in Robenhausen in ein diffuses, fast gespenstisches Licht tauchten, während das Kopfsteinpflaster unter der Last der ersten Marktwagen zu ächzen schien. Alma Obermaier saß mit einer unerschütterlichen Ruhe auf der hölzernen Dorfbank, die Hände fest um einen Becher geschlossen, dessen Inhalt weit von der asketischen Schwärze entfernt war, die man einer Frau ihres Alters unterstellt hätte. Der Kaffee war hellbraun, fast karamellfarben durch einen grosszügigen Schuss Milch, und so überladen mit Zucker, dass sich am Boden des Bechers bereits eine sirupartige Schicht bildete – ein kleines, süsses Laster, das sie sich nach all den Jahren des Verzichts in den sterilen Fluren der Altenpflege mit einer gewissen Sturheit gönnte. Für die vorbeieilenden Marktbesucher mochte sie lediglich wie eine harmlose Rentnerin wirken, die den Trubel am Wetziker Wochenmarkt genoss, doch hinter ihren wachsamen Augen arbeitete ein Verstand, der vierzig Jahre lang darauf trainiert worden war, das leiseste Anzeichen von menschlichem Verfall unter der Maske der Alltäglichkeit aufzuspüren.
Mit einer präzisen, fast mechanischen Bewegung rückte sie ihren Rollator „Ferrari“ ein Stück näher an ihre Knie, wobei das polierte Metall des Gefährts das matte Licht reflektierte und wie eine stumme Wache an ihrer Seite verweilte. Ihr Blick glitt unerbittlich über die Menge, hängenbleibend bei den vertrauten Gesichtern der Nachbarschaft, während sie in Gedanken bereits die neusten Todesanzeigen aus dem Zürcher Oberländer sortierte, jene traurigen Dokumente, die sie wie Trophäen der Wahrheit in ihrem geheimen Archiv sammelte. Besonders scharf beobachtete sie dabei Urs Hinterstocker, den Präsidenten des Quartiervereins, der sich mit einer Wichtigkeit über den Platz bewegte, als hinge das Schicksal ganz Robenhausens allein von der korrekten Ausrichtung der Gemüsestände ab, wobei er jedoch vollkommen übersah, dass das wahre Unheil sich bereits in seiner unmittelbaren Nähe zusammenbraute.
Dort, am Stand mit den „Bio-Dinkel-Brötchen“, vollführte der junge Bäcker seinen wöchentlichen Auftritt, indem er mit lauter, fast schon aggressiver Stimme die Vorzüge seines Urkorns pries, während Alma jedoch mit wachsendem Unbehagen bemerkte, dass sein sonst so federnder Gang einer unnatürlichen, beinahe schmerzhaften Steifheit gewichen war. Sein Gesicht, das normalerweise die vitale Farbe eines gut gebräunten Sauerteigs trug, wies nun eine ungesunde, aschfahle Blässe auf, während seine Finger beim Einpacken der Brötchen eine fahrige Nervosität offenbarten, die in krassem Gegensatz zu seinem selbstgefälligen Gehabe stand. Anstatt den Blick abzuwenden, nahm Alma einen Schluck ihres klebrig-süssen Kaffees und registrierte, wie ein feiner Schweissfilm auf der Stirn des jungen Mannes glänzte, obwohl der herbstliche Wind, der durch die Gassen von Wetzikon pfiff, eigentlich jede Pore hätte schliessen müssen.
Es war nicht die Hektik eines erfolgreichen Markttages, die ihn zeichnete, sondern das vegetative Aufbäumen eines Organismus, der kurz vor dem totalen Zusammenbruch stand – ein Anblick, der in Alma die dunklen Erinnerungen an jene Patienten weckte, deren Lebenslichter sie in unzähligen Nachtschichten hatte flackern und schliesslich erlöschen sehen. Inmitten des geschäftigen Treibens auf dem Rössliplatz, zwischen dem Duft von frischem Alpkäse und dem metallischen Klappern der Verkaufsständer, wirkte der Bäcker wie eine falsch justierte Maschine, deren Getriebe unter einer unsichtbaren Last zu zerbrechen drohte. Alma spürte das vertraute Zucken in ihren Fingerspitzen, ein Echo ihres alten Berufslebens, während sie den letzten, zuckrigen Rest aus ihrem Becher leerte und sich darauf vorbereitete, dass die trügerische Idylle von Robenhausen jeden Moment von einem Ereignis zerrissen werden würde, das sich mit keiner Vereinsordnung der Welt hätte bändigen lassen.
Es geschah in jenem tückischen Augenblick der Stille, der oft dem Bersten eines Damms vorausgeht. Der junge Bäcker wollte gerade nach einer hölzernen Zange greifen, um eine besonders goldbraune Dinkel-Seele für eine ungeduldige Kundin einzupacken, als seine Bewegungen mitten in der Luft einfroren, als hätte ein unsichtbarer Puppenspieler die Fäden gekappt. Alma, die ihren leeren Becher mit einer beinahe andächtigen Behutsamkeit neben sich auf die Bank gestellt hatte, sah, wie sich seine Pupillen weiteten, bis das Blau seiner Iris nur noch ein schmaler, verzweifelter Ring war. Ein kurzes, trockenes Rapseln drang aus seiner Kehle, ein Geräusch, das Alma nur allzu gut kannte – es war das letzte Aufbegehren der Lungenflügel gegen eine Lähmung, die sich mit gnadenloser Effizienz durch sein Nervensystem fraß.
Dann gab die Schwerkraft ihr Urteil ab. Mit einer Wucht, die die Auslage erzittern liess, kippte der junge Mann vornüber, wobei sein Körper die sorgsam aufgetürmten Pyramiden aus Backwaren in einer Kaskade aus Krümeln und Mehlstaub unter sich begrub. Das dumpfe Geräusch seines Aufschlags auf dem massiven Eichenholz des Standes hallte wie ein Kanonenschlag über den Rössliplatz und liess das eben noch geschäftige Gemurmel der Wetziker Marktbesucher schlagartig ersterben. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Zeit in Robenhausen stillzustehen, gefangen in einem tableau vivant des Entsetzens, bevor die kollektive Starre in ein ungeordnetes Chaos aus hysterischen Schreien und kopfloser Hektik umschlug.
„Ein Arzt! Rufen Sie einen Arzt!“, brüllte Urs Hinterstocker, wobei seine Stimme, die sonst so sicher durch jede Quartiervereinssitzung führte, nun brüchig und schrill wie die einer aufgeschreckten Krähe klang. Er fuchtelte wild mit seinen fleischigen Armen in der Luft herum, doch anstatt zu helfen, stolperte er lediglich zwei Schritte zurück, wobei sein Gesicht eine Farbe annahm, die fast so aschfahl war wie die des Mannes, der dort zwischen den Brötchen lag. Die Menge drängte vor, ein wallendes Meer aus Schaulustigen und Erschrockenen, das den Stand wie eine dunkle Flut umschloss und dem Sterbenden den letzten Rest an Sauerstoff zu rauben drohte.
Alma jedoch war bereits auf den Beinen. Mit einer Entschlossenheit, die ihre fünfundsiebzig Jahre Lügen strafte, packte sie die Griffe ihres „Ferraris“ und rammte die Räder mit kalkulierter Präzision über das Kopfsteinpflaster, wobei sie den Rollator wie einen eisernen Keil in die klaffende Menge trieb. „Platz da!“, herrschte sie eine junge Mutter an, die paralysiert im Weg stand, während ihr Blick bereits das Opfer sezierte, noch bevor sie den Stand überhaupt erreicht hatte. Sie registrierte den bläulichen Schimmer, der sich wie ein schleichendes Gift über die Ohrläppchen des Bäckers legte, und das feine, fast unmerkliche Beben seiner Mundwinkel – Symptome, die so gar nicht zu einem einfachen Herzversagen passen wollten, wie Hinterstocker es gerade der gaffenden Menge weismachen wollte.
Als sie den Stand erreichte, schob sie den Quartiervereinspräsidenten mit einer kurzen, herrischen Geste beiseite, die keinen Widerspruch duldete, und beugte sich über den Körper des jungen Mannes, dessen Atem nur noch ein flaches, rasselndes Echo war. Ihre Finger, die trotz der Kälte und der Aufregung ruhig blieben, suchten nicht nach dem Puls am Handgelenk – sie kannte die Antwort bereits –, sondern glitten suchend über seinen Nacken und die Ränder seiner Kleidung. Während das Schreien der Umstehenden zu einem fernen Rauschen verschwamm, das irgendwo hinter der Brandmauer ihrer Konzentration verhallte, roch sie es: einen Hauch von bitteren Mandeln, so flüchtig, dass er im Duft des frischen Gebäcks fast untergegangen wäre, doch für die Nase einer Frau, die den Tod in all seinen chemischen Facetten studiert hatte, war es das eindeutige Signum eines Verbrechens. Alma richtete sich auf, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, während ihr Blick über die Gesichter der Umstehenden glitt – irgendwo hier, zwischen den Ständen von Robenhausen, verbarg sich derjenige, der die Ordnung des Lebens so grausam korrigiert hatte.
Das ferne, klagende Heulen einer Sirene schnitt durch die neblige Luft von Wetzikon wie eine stumpfe Säge durch morsches Holz. Auf dem Rössliplatz hatte sich die anfängliche Schockstarre in eine gefährliche Mischung aus Voyeurismus und kopfloser Betriebsamkeit verwandelt, während Urs Hinterstocker immer noch versuchte, mit grossspurigen Gesten eine Ordnung wiederherzustellen, die er längst verloren hatte. Alma stand unbeweglich wie ein Fels in der Brandung direkt am Stand des Bäckers, die Hände fest um die Griffe des „Ferraris“ geschlossen, während ihr Blick nicht von dem Leichnam wich, der nun wie eine groteske Puppe inmitten seiner eigenen Waren ruhte.
Mit einem kreischenden Quietschen der Reifen kam der Streifenwagen der Kantonspolizei am Rande des Marktplatzes zum Stehen. Die Türen flogen auf, und eine junge Beamtin sprang heraus, deren Uniform noch so steif und neu wirkte, als wäre sie gerade erst aus der Verpackung genommen worden. Es war Sophie, die Tochter der Blumen-Hanni vom Unterdorf – ein Mädchen, das Alma vor zwei Jahrzehnten noch wegen einer eitrigen Angina mit Wadenwickeln kuriert hatte und das nun versuchte, mit einem Gesichtsausdruck aus künstlicher Härte den Ernst der Lage zu bändigen.
„Zurücktreten! Alle sofort zurücktreten!“, rief Sophie, wobei ihre Stimme für einen Moment gefährlich kippte, als sie das Ausmass des Chaos und die leblose Gestalt auf dem Dinkel-Berg erblickte. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, die Hand instinktiv am Griff ihres Holsters, doch als sie den inneren Kreis erreichte und in das unnachgiebige Gesicht von Alma Obermaier blickte, schmolz ihre professionelle Fassade für den Bruchteil einer Sekunde dahin.
„Frau Obermaier? Was machen Sie denn hier? Sie müssen hinter die Absperrung“, stammelte Sophie, während sie versuchte, das flatternde Absperrband an einem Pfosten zu befestigen, doch ihre Finger zitterten so stark, dass der Knoten sich immer wieder löste.
Alma rührte sich keinen Millimeter. Sie fixierte die junge Polizistin mit einem Blick, der keine Widerrede duldete, und sagte mit einer Stimme, die so trocken war wie der Staub in ihrem Archiv: „Kindchen, lass das Band erst einmal gut sein und schau dir lieber den Kehlkopf des Jungen an. Wenn du nach dem Lehrbuch suchst, wirst du hier scheitern, bevor du den ersten Bericht getippt hast. Das hier war kein Kreislaufkollaps, den man mit einem Schluck Wasser und gutem Zureden löst.“
Urs Hinterstocker drängte sich dazwischen, das Gesicht rot vor unterdrückter Wut darüber, dass eine Rentnerin das Kommando übernahm. „Frau Obermaier, bitte! Die Polizei ist jetzt hier. Überlassen Sie das den Fachleuten. Wir haben hier eine tragische medizinische Notlage, nichts weiter.“
„Fachleute?“, entgegnete Alma, wobei sie den Ferrari mit einem ruckartigen Manöver direkt vor Hinterstockers glänzende Schuhe lenkte. „Urs, du hast in deinem Leben nichts Gefährlicheres gesehen als eine falsch ausgefüllte Spesenabrechnung. Schau dir die Verfärbung seiner Fingernägel an. Siehst du dieses tiefe Blau? Das ist die Handschrift eines Erstickungstodes, der von innen kam. Und wenn du deine Nase für einen Moment aus deinen Quartiersangelegenheiten ziehen würdest, könntest du den Geruch wahrnehmen, der hier über dem Dinkel hängt – ein Aroma, das nicht in eine Backstube gehört, es sei denn, man mischt Blausäure unter den Teig.“
Sophie hielt inne, das Absperrband schlaff in der Hand. Sie kannte diesen Tonfall. Es war derselbe Tonfall, mit dem Alma damals ihre Mutter zurechtgewiesen hatte, als diese versuchte, eine schwere Grippe mit Homöopathie zu behandeln. Die junge Polizistin trat einen Schritt näher an den Stand, wobei sie mühsam ihren Würgereiz unterdrückte, und sah zum ersten Mal wirklich hin. In diesem Moment wurde ihr klar, dass der Rössliplatz in diesem kalten Wetziker Morgen nicht länger nur ein Ort eines tragischen Unglücks war, sondern ein Schauplatz des Bösen – und dass die einzige Person, die die Fäden in diesem Chaos in den Händen hielt, die alte Dame mit dem roten Rollator war.
Alma spürte, wie der Widerstand der Polizei zu bröckeln begann. Ihr Blick wanderte weg von Sophie, weg von Hinterstocker und hin zu der gaffenden Menge, die sich hinter dem nun doch mühsam gespannten Band drängte. Dort, im Schatten der alten Linde, sah sie eine Gestalt, die sich hastig abwandte, als sich ihre Augen trafen – eine Bewegung, die zu schnell, zu flüssig und zu erleichtert war für jemanden, der gerade einen Nachbarn verloren hatte. Das Spiel hatte begonnen, und Alma wusste, dass sie ihre nächste Todesanzeige nicht im Archiv finden würde, sondern dass sie sie gerade selbst schrieb.
Während Sophie damit beschäftigt war, die herbeigeeilte Sanitätstruppe einzuweisen und den aufgebrachten Urs Hinterstocker davon abzuhalten, die Spuren mit seinen polierten Schuhen zu zertrampeln, nutzte Alma die Gunst der allgemeinen Verwirrung. Sie wusste, dass die offizielle Spurensicherung aus Zürich Stunden brauchen würde, um den Rössliplatz in einen sterilen Tatort zu verwandeln – Stunden, in denen der Wind den flüchtigen Beweis längst fortgeweht haben könnte. Mit der lautlosen Präzision ihres „Ferraris“ schlich sie sich an das Kopfende des Standes, dort, wo der Körper des Bäckers die Mehlberge wie ein gestürztes Monument durchbrach.
Ihre Augen, die in unzähligen Nachtwachen gelernt hatten, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, scannten die Kleidung des Toten. Es war keine gewöhnliche Bäckerkluft; das Material war teuer, fast schon eitel, passend zum Charakter des jungen Mannes. Doch am Kragen seines dunklen Polohemds, direkt unter dem linken Kieferwinkel, entdeckte sie etwas, das dort nicht hingehörte. Es war kein Mehlstaub und auch kein Puderzucker. Es war ein winziger, fast mikroskopischer Rückstand einer öligen, grünlichen Substanz, die im kalten Licht des Vormittags einen unnatürlichen Glanz von sich gab.
Alma beugte sich tiefer, wobei das Gelenk ihres Ferraris ein leises, warnendes Knarren von sich gab. Mit der Geschicklichkeit einer erfahrenen Nachtschwester, die schon tausendmal Katheter im Halbdunkel gewechselt hatte, zog sie ein sauberes Papiertaschentuch aus ihrer Strickjacke. Sie tupfte nicht – sie nahm die Probe mit einer fliessenden Bewegung auf, als würde sie eine Wunde reinigen. In diesem Moment schlug ihr erneut dieser stechende Geruch entgegen, intensiver nun, eine chemische Boshaftigkeit, die sich unter das Aroma des Bio-Dinkels gemischt hatte. Es war kein Gift, das man isst. Es war ein Gift, das man berührt.
„Frau Obermaier! Was machen Sie da schon wieder?“, Sophies Stimme gellte über den Platz, schärfer nun, getrieben von der Angst, die Kontrolle über ihren ersten echten Kriminalfall zu verlieren.
Alma richtete sich mit einer Langsamkeit auf, die ihre innere Anspannung verbarg. Sie liess das Taschentuch in der tiefen Tasche ihrer Jacke verschwinden und wandte sich der jungen Polizistin zu. „Ich kontrolliere nur, ob der Junge vielleicht an einer allergischen Reaktion gelitten hat, Sophie. Man kann ja nie wissen bei diesem modernen Urkorn-Hype.“
Doch ihr Blick galt nicht Sophie. Er galt dem Stand direkt gegenüber – dem Kräuterstand von Gisela Moosbacher. Gisela stand dort, die Arme fest vor der Brust verschränkt, das Gesicht eine Maske aus Stein, während sie mit den Fingerspitzen ihrer rechten Hand rhythmisch auf ihren Unterarm trommelte. Es war ein nervöses Tapping, ein klassisches Zeichen für eine Überreizung des vegetativen Nervensystems, wie Alma sofort diagnostizierte. Doch es war nicht Giselas Gesicht, das Alma erschrecken liess. Es war die Tatsache, dass Gisela eine leere Stelle in ihrer Auslage hatte – genau dort, wo normalerweise die Fläschchen mit den hochkonzentrierten ätherischen Ölen standen.
Alma spürte ein kaltes Rieseln auf ihrem Rücken, das nichts mit dem Wetziker Herbstnebel zu tun hatte. Sie griff in ihre Tasche und fühlte das Papier ihres Archivs, die Todesanzeige, die sie am Morgen so sorgsam ausgeschnitten hatte. Mit einem Mal ergaben die Puzzleteile einen Sinn, der weit über einen einfachen Marktplatzstreit hinausging. Der Bäcker war nicht das erste Opfer dieses lautlosen Krieges in Robenhausen, und wenn ihre Vermutung stimmte, war er auch nicht das letzte.
Sie ergriff die Griffe ihres Rollators und wendete das Gefährt mit einem energischen Ruck. „Komm, Ferrari“, murmelte sie so leise, dass nur sie selbst es hören konnte. „Wir haben zu Hause etwas nachzuschlagen, das nicht in Sophies Protokollen steht.“
Als sie den Rössliplatz verliess, ohne sich noch einmal nach dem Chaos oder dem wutschnaubenden Quartiervereinspräsidenten umzusehen, wusste sie: Woche eins war vorbei. Der Mord war geschehen, die Saat des Misstrauens gesät. Doch das wahre Gift, dasjenige, das die Fundamente von Robenhausen zerfressen würde, lag noch verborgen in ihrem Archiv.
Genau sieben Tage waren vergangen, seit der junge Bäcker am Rössliplatz vornüber in seine Dinkelbrötchen gekippt war, und doch fühlte es sich für Alma an, als wäre die Zeit in Robenhausen in einer unnatürlichen, zähen Starre gefangen. Der Markt, der normalerweise ein pulsierendes Herz aus geschäftigem Lärm und dem Duft von frischem Zopf war, wirkte heute wie eine schlecht besuchte Beerdigung. Das Tuscheln der Leute legte sich wie ein unsichtbarer, grauer Schleier über die Gassen; es war ein gedämpftes, fast schon gieriges Murmeln, das jedes Mal verstummte, wenn jemand Unbekanntes den Platz betrat.
Alma schob ihren „Ferrari“ über das Kopfsteinpflaster, das noch immer die dunklen Schatten des Regens vom Vorabend in seinen Fugen hielt. In der vergangenen Woche hatte sie kaum geschlafen. Ihre Gedanken waren unaufhörlich um jene grüne Substanz gekreist, die sie in ihrer Küche analysiert hatte – eine chemische Bosheit, die ihre Wurzeln tief in Almas eigenem, dunklem Archiv im Keller ihrer Seele zu haben schien. Jeden Tag hatte sie die Todesanzeigen im Zürcher Oberländer studiert, auf der Suche nach Namen, die wie Echos aus dem Jahr 1984 klangen, doch das Dorf schwieg sie an.
Heute war sie zurückgekehrt, nicht um einzukaufen, sondern um die Anatomie der Angst zu sezieren. Der Stand des toten Bäckers war verwaist, mit gelbem Polizeiband abgesperrt, das im herbstlichen Wind ein hohles, flatterndes Geräusch von sich gab – wie der verzweifelte Flügelschlag eines gefangenen Vogels. Doch nur wenige Meter daneben, dort, wo die Kräutertees von Gisela Moosbacher normalerweise für wohlige Wärme sorgen sollten, herrschte eine fast feindselige Betriebsamkeit.
Gisela stand hinter ihrem Tresen, die Hände tief in den Taschen ihrer groben Strickjacke vergraben. Ihr Blick huschte nervös über die spärlichen Kunden, als erwarte sie, dass jeden Moment das Gesetz in Form von Handschellen über sie hereinbrechen würde. Alma bemerkte sofort, dass die Kräuterfrau ihre Auslage verändert hatte: Die beruhigenden Teemischungen waren in den Hintergrund gerückt, während Tinkturen aus Beinwell und Eisenhut – Pflanzen, die so schön wie tödlich waren – nun prominent in der ersten Reihe glänzten.
Alma steuerte ihren Rollator direkt auf Giselas Stand zu, wobei das metallische Klackern der Räder auf den unebenen Steinen wie ein Countdown wirkte.
„Sieben Tage, Gisela“, sagte Alma ohne Umschweife, während sie ihren Rollator so hart gegen die Holzkante des Standes rammen liess, dass die Teedosen leise klirrten. „Sieben Tage, in denen der Boden hier mehr Geheimnisse geschluckt hat als die Kräuter in deinem Garten. Die Leute sagen, der Junge hätte sich schlicht übernommen. Aber du und ich, wir wissen, dass Mutter Natur manchmal ein wenig… nachhilft, wenn man sie darum bittet, nicht wahr?“
Gisela hob den Kopf. Ihre Haut wirkte im fahlen Licht noch pergamentartiger als sonst, und in ihren Augen brannte ein Licht, das Alma nur allzu gut kannte: Es war die schiere, nackte Existenzangst eines Raubtiers, das spürt, dass die Falle bereits zugeschnappt ist.
Das Duell der Blicke dauerte an, während um sie herum das Dorfleben in einer Art makabrem Zeitlupentempo erstarrte. Ein kleiner Junge, der an einem Apfel kaute, blieb stehen und starrte die beiden Frauen an, bis seine Mutter ihn mit einem harschen Ruck am Arm weiterzog, als sei die Luft rund um den Kräuterstand von einer ansteckenden Krankheit verpestet.
Alma legte den Kopf schief. „Weisst du, Gisela, das Gedächtnis ist ein seltsames Instrument. Die meisten Menschen hier erinnern sich nur daran, wie der Junge im Mehl lag. Aber ich erinnere mich an die fünf Minuten davor. Ich erinnere mich, wie du deine Handschuhe gewechselt hast. Mitten im Juli. Ein strahlend weisses Paar, als hättest du eine Operation am offenen Herzen vor, statt nur ein paar Beutel Hagebuttentee zu verkaufen.“
Gisela Moosbacher umklammerte die Kante ihres Tresens so fest, dass das alte Holz leise knarrte. „Es war heiss, Alma. Meine Hände schwitzen. Ist es jetzt schon ein Verbrechen, in diesem verfluchten Dorf auf Hygiene zu achten?“
„Hygiene ist ein dehnbarer Begriff“, konterte Alma, und ihre Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern, das unter dem Flattern des Polizeibandes fast verschwand. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Pachtplatz hier am Brunnen – die beste Lage auf dem ganzen Rössliplatz – nun wieder frei wird. Ein glücklicher Zufall für jemanden, dessen Umsatz in den letzten Monaten so stark geschrumpft ist wie eine getrocknete Tollkirsche, nicht wahr?“
Sie beobachtete genau, wie ein einzelner Schweisstropfen an Giselas Schläfe entsprang und langsam in einer der tiefen Falten ihres Gesichts verschwand.
„Du wagst es…“, zischte Gisela, und plötzlich blitzte etwas in ihren Augen auf, das nichts mehr mit Angst zu tun hatte. Es war reine, destillierte Bösartigkeit. Sie beugte sich über ihren Stand, so weit, dass Alma den beissenden Geruch von getrocknetem Salbei und ungewaschener Wolle riechen konnte. „Du mit deinem Archiv, Alma. Glaubst du, ich weiss nicht, warum du nachts in deinem Keller sitzt und die alten Akten aus dem Spital wälzt? Du suchst nicht nach Gerechtigkeit. Du suchst nach einem Weg, dein eigenes Gewissen zum Schweigen zu bringen. Was ist mit den Patienten passiert, die unter deiner Aufsicht einschliefen und nie wieder aufwachten? War da auch immer ‚Mutter Natur‘ im Spiel?“
Der Schlag saß. Alma spürte einen kurzen, eisigen Stich in der Brust, jenes vertraute Echo von 1984, das sie wie einen Parasiten in sich trug. Doch sie liess sich nichts anmerken. In der Altenpflege lernte man, Schmerz zu maskieren, bis er unter einer Schicht aus professioneller Distanz erstickte.
„Der Unterschied zwischen uns beiden, Gisela, ist ganz einfach“, sagte Alma mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte. „Ich habe versucht, das Licht brennen zu lassen. Du hingegen scheinst dich in der Dunkelheit zwischen den Wurzeln erst so richtig wohlzufühlen. Aber sag mir eines: Hat der Junge gelitten? Oder war das Alkaloid so hoch konzentriert, dass sein Nervensystem gar keine Zeit mehr hatte, um Hilfe zu schreien?“
Gisela wich zurück, als hätte Alma sie körperlich geschlagen. Ihr Gesicht wurde aschfahl, die Farbe von verbranntem Papier. „Verschwinde, Alma. Geh und füttere deine Geister in deinem Keller. Wenn du die Nase noch einmal in meine Angelegenheiten steckst, werde ich dafür sorgen, dass der nächste Tee, den du trinkst, dein allerletzter ist. Und glaub mir, ich kenne Mischungen, die kein Pathologe in diesem Kanton jemals in deinem Blut finden wird.“
Alma löste die Bremsen ihres „Ferraris“ mit einem deutlichen Klicken. „Das nehme ich als Geständnis deiner Fachkenntnis, Gisela. Wir sehen uns beim Kaffeeklatsch.“
Sie drehte ihren Rollator mit einer herrischen Bewegung um und liess die Kräuterfrau im Schatten ihres eigenen Standes zurück. Während sie sich in Richtung Rathaus aufmachte, spürte Alma die Blicke der Marktbesucher wie Nadelstiche in ihrem Rücken. Das Tuscheln wurde lauter. Sie hatte den ersten Stein in den dunklen Teich von Robenhausen geworfen, und die Wellen begannen bereits, die Ufer zu überspülen
Das Rathaus von Wetzikon wirkte an diesem Vormittag wie ein Monument der Selbstgefälligkeit. Der Linoleumboden im Treppenhaus glänzte so unnatürlich, als wolle er jeden Fehltritt der Bürger sofort ans Licht zerren, und der Geruch von Bohnerwachs vermischte sich mit der abgestandenen Luft von Aktenordnern und unerfüllten Wahlversprechen. Alma Obermaier steuerte ihren „Ferrari“ mit einer fast schon provokanten Langsamkeit durch den Flur im ersten Stock, wobei das rhythmische Quietschen ihrer Räder auf dem glatten Boden wie eine ungeduldige Uhr tickte.
Vor der Tür mit dem Messingschild „Dr. h.c. Herbert Schlemmer – Gemeindepräsident“ hielt sie inne. Sie rückte ihre Strickjacke zurecht, strich sich eine widerspenstige graue Strähne aus der Stirn und setzte jene Miene auf, die sie über Jahre hinweg perfektioniert hatte: die Maske der pedantischen, leicht querulanten Rentnerin, die man am besten schnell zufriedenstellte, um sie wieder loszuwerden.
Ohne anzuklopfen, drückte sie die Klinke nach unten.
Das Büro war überhitzt. Schlemmer saß hinter einem massiven Eichenschreibtisch, der so gross war, dass er den kleinen Mann dahinter fast zu verschlucken schien. Als Alma eintrat, zuckte er zusammen, und seine Hand schoss instinktiv zu einem Stapel Dokumente, die er mit einer hastigen Bewegung unter einer Ausgabe des Zürcher Oberländers verbarg.
„Frau Obermaier!“, rief Schlemmer mit einer Stimme, die eine Spur zu laut und viel zu herzlich klang. „Was für eine… Überraschung. Haben wir einen Termin? Meine Sekretärin ist gerade bei der Kaffeepause, und ich bin eigentlich tief in den Planungsunterlagen für das neue Senioren-Residenz-Projekt versunken.“
Alma steuerte ihren Rollator bis direkt an die Kante seines Schreibtisches, sodass das glänzende Metall fast sein Knie berührte. Sie bemerkte sofort den feinen Glanz auf seiner Oberlippe und die dunklen Ränder unter den Achseln seines massgeschneiderten Hemdes. Es war nicht die Hitze des Raumes; es war das vegetative Aufbäumen eines Mannes, der auf einer Mine saß und darauf wartete, dass jemand den Fuss hob.
„Die Kehrwoche, Herr Bürgermeister“, sagte Alma mit einer schneidenden Trockenheit. „Es geht um die Kehrwoche am Rössliplatz. Seit… dem Vorfall letzten Woche nimmt es niemand mehr so genau. Da liegen Mehlreste in den Fugen, die den Regen aufsaugen und das Kopfsteinpflaster rutschig machen. Eine absolute Gefahr für uns Senioren. Aber Sie scheinen ja ohnehin mehr an den neuen Senioren interessiert zu sein, die bald in Ihre ‚Residenz‘ ziehen sollen, nicht wahr?“
Schlemmer lachte, ein kurzes, trockenes Bellen. „Aber Frau Obermaier, Ordnung muss sein, natürlich. Ich werde das Werkhof-Team sofort anweisen…“
„Wissen Sie“, unterbrach ihn Alma, während ihr Blick unerbittlich über seinen Schreibtisch wanderte und an einem gerahmten Foto hängen blieb, das ihn beim Spatenstich für das neue Projekt zeigte, „der junge Bäcker war auch sehr besorgt um die Ordnung. Besonders um die Ordnung der Finanzen hinter Ihrem Prestigeobjekt. Er wollte eine Bürgerinitiative starten, habe ich gehört. Er war der Meinung, dass das Seniorenheim eher ein Denkmal für Ihre persönlichen Ambitionen sei als ein Ort für uns Alte.“
Schlemmer versteifte sich. Sein Gesicht, das eben noch die Farbe von rohem Schinken hatte, nahm nun einen ungesunden Violettton an. „Der junge Mann war… fehlgeleitet. Er verstand nichts von Stadtentwicklung. Sein Tod ist eine Tragödie, zweifellos, aber wir dürfen den Fortschritt nicht wegen eines… tragischen Herzversagens aufhalten.“
„Herzversagen“, wiederholte Alma gedehnt. Sie beugte sich so weit vor, dass sie das billige Kölnisch Wasser riechen konnte, mit dem er den Angstschweiss zu übertünchen versuchte. „Interessant, dass Sie sich da so sicher sind, Herr Bürgermeister. Die Polizei wartet doch noch auf die Toxikologie, oder nicht? Oder haben Sie bereits Informationen von der Sparkasse gegenüber erhalten? Ich habe gesehen, wie Sie nach dem Zusammenbruch sofort die Kameras dort fixiert haben. Suchten Sie nach einem Zeugen – oder wollten Sie sicherstellen, dass niemand die Übergabe gesehen hat?“
Schlemmer schluckte schwer. Sein Kehlkopf hüpfte unter der straffen Krawatte wie ein gefangener Frosch. „Ich weiss nicht, was Sie andeuten wollen, Alma. Ich bin der Bürgermeister. Ich sorge für Sicherheit.“
„Dann sorgen Sie dafür, dass die Kameras der Sparkasse nicht versehentlich gelöscht werden“, sagte Alma, während sie ihren Rollator mit einem heftigen Ruck wendete. „Denn wenn ich herausfinde, dass Ihr ‚Fortschritt‘ über Leichen geht, wird kein Luxus-Seniorenheim der Welt Sie vor dem bewahren, was ich in meinem Keller über die Finanzierung Ihrer letzten Wahlkampagne gelagert habe.“
Sie verliess das Büro, ohne sich umzusehen, und liess einen Bürgermeister zurück, der so heftig zitterte, dass der Füller in seiner Hand einen hässlichen Tintenfleck auf dem weissen Papier hinterliess – wie ein dunkler Vorbote der Wahrheit.
Alma hatte die schwere Eichentür des Bürgermeisterbüros kaum hinter sich ins Schloss fallen lassen, als sie fast mit einem dunkelblauen Hindernis kollidierte. Sophie Unterdorf stand im Flur, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick fest auf die geschlossene Tür gerichtet, aus der Alma gerade hervorgestürmt war. Sophie wirkte in ihrer Uniform fast ein wenig zu zierlich für die Wucht des Gesetzes, doch die Art, wie sie ihr Kinn reckte, verriet eine Hartnäckigkeit, die Alma an sich selbst in jungen Jahren erinnerte – bevor der Zynismus der Nachtschichten ihre Kanten abgeschliffen hatte.
„Frau Obermaier“, sagte Sophie, und ein amüsiertes, wenn auch pflichtbewusstes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Lassen Sie mich raten: Die Kehrwoche am Rössliplatz entspricht nicht den kantonalen Reinheitsgeboten? Oder haben Sie den Bürgermeister gerade davon überzeugt, dass sein Krawattenknoten eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellt?“
Alma bremste ihren „Ferrari“ mit einem energischen Quietschen ab. „Unterschätzen Sie niemals die Kehrwoche, Kindchen. Sie ist das Einzige, was diese Welt noch vor der totalen Entropie bewahrt. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich hier, um die echten Schmutzränder zu finden. Was macht die Polizei im Rathaus? Suchen Sie nach dem verlorenen Anstand der Stadtverwaltung oder gibt es tatsächlich Neuigkeiten im Fall des Bäckers?“
Sophie seufzte und trat einen Schritt näher, wobei sie ihre Stimme senkte. „Wir warten auf den vorläufigen Obduktionsbericht. Aber Reto will die Sache als Kreislaufkollaps zu den Akten legen. Er sagt, junge Männer in Backstuben neigen zum Burnout. Er will keine Unruhe vor dem Herbstmarkt.“
Alma schnaubte so verächtlich, dass eine vorbeieilende Sekretärin erschrocken zusammenzuckte. „Reto Zürcher würde einen Pfeil im Rücken noch als akute Akupunktur-Verletzung deklarieren, wenn es ihm den Feierabend rettet. Hören Sie mir gut zu, Sophie. Schlemmer schwitzt. Und er schwitzt nicht, weil die Heizung im Rathaus zu hoch eingestellt ist. Er schwitzt, weil er Angst hat, dass seine ‚Senioren-Residenz‘ im Mehlstaub des Bäckers versinkt.“
Sophie sah sich kurz um, dann beugte sie sich zu Alma hinunter. „Frau Obermaier, ich schätze Ihre… Beobachtungsgabe. Wirklich. Aber ohne Beweise sind das nur Vermutungen einer – verzeihen Sie – sehr engagierten Anwohnerin. Ich kann keine Ermittlung gegen den Bürgermeister einleiten, nur weil er ein feuchtes Hemd trägt.“
„Beweise“, echote Alma und tätschelte den Griff ihres Rollators, als wäre er eine geladene Waffe. „Beweise sind wie Medikamente, Sophie. Man muss wissen, wo sie gelagert werden und wer den Schlüssel zum Schrank hat. Wenn ich Ihnen etwas liefere, das über ‚feuchte Hemden‘ hinausgeht… versprechen Sie mir dann, dass Sie es nicht sofort Reto auf den Schreibtisch legen, damit er seine Kaffeetasse darauf abstellen kann?“
Sophie biss sich auf die Unterlippe. Der Kampf zwischen ihrer vorschriftsmässigen Ausbildung und ihrem Instinkt war in ihren hellen Augen deutlich abzulesen. „Wenn es substantielle Hinweise sind… dann werde ich sie direkt an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Aber bringen Sie sich nicht in Gefahr, Alma. Das hier ist kein Kaffeeklatsch.“
„Kindchen“, sagte Alma und löste die Bremsen ihres Gefährts, „ich habe vierzig Jahre lang Menschen beim Sterben zugesehen. Vor dem Tod fürchte ich mich nicht mehr. Aber vor Langeweile? Das ist eine ganz andere Geschichte. Wir sehen uns.“
Mit einem maliziösen Lächeln liess Alma die junge Polizistin im Flur stehen. Sie hatte nun genau das, was sie brauchte: Eine Verbündete im System, die zwar noch nach Vorschrift atmete, aber bereits die Fährte des Unrechts aufgenommen hatte.
Draußen fraß sich der Nebel vom Pfäffikersee wie eine bleiche, feuchte Zunge durch die Gassen von Robenhausen, doch in Almas Keller herrschte die sterile, erbarmungslose Ordnung eines Seziersaals. Das Licht einer einzigen, nackten Glühbirne schwang leise an ihrem Kabel und warf lange, tanzende Schatten über die Regale, die bis unter die Decke mit akribisch beschrifteten Ordnern gefüllt waren. Dies war Almas wahres Reich – ihr „Archiv der verlorenen Atemzüge“. Hier ruhten sie, die Berichte über jene, deren Ableben im offiziellen Getriebe der Spitalverwaltung unter „natürliche Ursache“ verbucht worden war, die aber in Almas Gedächtnis als ungelöste Dissonanzen weiterlebten.
Mit einem leisen Seufzen, das in der Stille des Kellers wie ein Schuss hallte, schlug Alma einen vergilbten Ordner mit der Aufschrift „Klinik am Bachtel – Station C, 1984“ auf. Der Geruch von altem Papier und getrockneter Tinte stieg ihr in die Nase, ein Aroma, das sie augenblicklich zurück in jene sterilen Flure katapultierte, in denen das Quietschen von Gummisohlen das einzige Geräusch war.
Ihre Finger, die im kalten Kellerlicht fast wie Elfenbein wirkten, blätterten durch die handschriftlichen Notizen, bis sie bei einem Namen hängen blieben: Arthur Meili. Verstorben am 14. November 1984. Diagnose: Herzversagen bei fortgeschrittener Demenz.
Alma schloss die Augen und sah ihn wieder vor sich – den alten Meili, dessen Hände immer nach Pfefferminz gerochen hatten. Und sie sah das Gesicht der jungen Gisela Moosbacher, die damals als Hilfskraft in der Klinikküche gearbeitet hatte, bevor sie wegen „unüberbrückbarer Differenzen bei der Kräuterverarbeitung“ entlassen worden war. Alma blätterte weiter und fand das Protokoll der Inventurprüfung vom Dezember 1984. Es fehlten damals drei Ampullen eines experimentellen Herzglykosids, kombiniert mit einem alkalischen Stabilisator – genau jener Wirkstoff, der bei Überdosierung zu einer paradoxen Lähmung führte, bevor das Herz einfach aufhörte, gegen den unsichtbaren Widerstand anzukämpfen.
„Du warst es schon damals, Gisela“, murmelte Alma in die Dunkelheit, und ihre Stimme wurde vom Echo der Steinwände zurückgeworfen. „Du hast die Dosierung im Tee des alten Meili korrigiert, weil er den Bauplatz für das neue Ärztehaus nicht verkaufen wollte.“
Sie legte ein zweites Dokument daneben: Einen alten Zeitungsbericht über den jungen Herbert Schlemmer, der damals als aufstrebender Jurist die Erbstreitigkeiten der Familie Meili abgewickelt hatte. Das Grundstück, das Schlemmer damals „gerettet“ hatte, war genau jenes Areal, auf dem heute – vierzig Jahre später – die luxuriöse Senioren-Residenz entstehen sollte. Der tote Bäcker hatte recht gehabt: Das Projekt war auf einem Fundament aus altem Unrecht gebaut.
Ein plötzliches Scharren an der Kellerdecke liess sie zusammenfahren. War es nur eine Ratte, die im Gebälk des alten Hauses nach Nahrung suchte, oder war die Vergangenheit, die sie gerade so mühsam ans Licht zerrte, bereits dabei, die Kellertür aufzubrechen? Alma spürte, wie das Adrenalin die Kälte in ihren Gliedern vertrieb. Das Puzzle war noch nicht vollständig, aber die Umrisse des Bildes waren von einer erschreckenden Klarheit.
Der Bäcker war kein Zufallsopfer. Er war über ein Geheimnis gestolpert, das seit 1984 unter einer Schicht aus Korruption und Kräutertees begraben lag. Und Schlemmer, der Bürgermeister mit den feuchten Händen, war derjenige, der den Spaten hielt, um es für immer unter Beton zu ersticken.
Alma griff nach ihrem „Ferrari“ und löste die Bremsen. Die Nacht war noch jung, und der Markt am Rössliplatz barg noch ein weiteres Geheimnis, das nur darauf wartete, im Schein ihrer Taschenlampe aufzublitzen.
Der Rössliplatz lag da wie ein verlassenes Schlachtfeld, auf dem die Geister der vergangenen Woche um die leeren Marktstände strichen. Der Nebel hatte sich nun vollends verdichtet und schluckte das schwache Licht der Strassenlaternen, sodass die Umrisse des grossen Steinbrunnens in der Mitte des Platzes wie ein massiver, dunkler Altar wirkten. Alma bewegte sich im Schatten der Häuserfronten. Sie hatte die Reflektoren an ihrem „Ferrari“ mit schwarzem Isolierband abgeklebt; in dieser Nacht war Sichtbarkeit ihr grösster Feind.
Sie hielt den Atem an, als sie eine Gestalt bemerkte, die sich vom verwaisten Bio-Bäckerstand löste. Es war Sabine, die Verlobte des Toten. Sie trug keinen Trauerflor, sondern eine zweckmässige Windjacke, deren Kapuze sie tief ins Gesicht gezogen hatte. In ihren Bewegungen lag nichts von der theatralischen Trauer, die sie vor sieben Tagen zur Schau gestellt hatte. Sie wirkte effizient, fast gehetzt.
Alma beobachtete aus der Deckung einer Toreinfahrt, wie Sabine zum Brunnenrand trat. Das Mädchen sah sich mehrmals nervös um, wobei ihr Blick zweimal fast die Stelle streifte, an der Alma im Schatten verschmolz. Dann zog Sabine ein kleines, längliches Objekt aus ihrer Tasche – es glänzte metallisch im fahlen Licht. Ohne zu zögern, liess sie es in den tiefen Brunnenschacht gleiten. Ein unterdrücktes Plonken, gefolgt von einem leisen Glucksen des Wassers, war das einzige Grabgeläut für das Beweisstück.
Das Handy, schoss es Alma durch den Kopf. Sie hat die digitale Fährte gelöscht.
Kaum war Sabine in einer der dunklen Seitengassen verschwunden, löste Alma die Bremsen. Sie musste das Objekt bergen, bevor die morgendliche Reinigung des Brunnens alles vernichtete. Mit einer Entschlossenheit, die ihren schmerzenden Hüften Trotz bot, steuerte sie den Rollator zum Brunnenrand. Sie beugte sich über das kalte Gestein, die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt, während ihre Finger nach dem gusseisernen Gitter tasteten.
Doch bevor sie den Arm ausstrecken konnte, geschah es.
Ein hässliches, metallisches Bersten zerriss die Stille. Alma spürte, wie der linke Griff ihres „Ferraris“ unter ihrem Gewicht nachgab. Jemand hatte die Bolzen manipuliert – sauber durchtrennt, sodass sie genau in diesem Moment der Belastung nachgeben mussten.
Alma verlor das Gleichgewicht. Ihr Körper kippte vornüber gegen den harten Brunnenrand, während ihr geliebter Rollator mit einem scheppernden Geräusch zur Seite wegbrach. Hilflos am Boden liegend, den Blick auf die nassen Pflastersteine gepresst, hörte sie es: das langsame, schwere Knirschen von Schritten auf dem Kies hinter ihr.
Eine Hand, die in einem dunklen Lederhandschuh steckte, schob sich in ihr Sichtfeld und hob die Taschenlampe auf, die Alma aus dem Mund gefallen war. Das Licht wurde direkt auf ihre geblendeten Augen gerichtet.
„Sie sollten wirklich zu Hause bleiben, Alma“, drang eine tiefe, durch einen Verzerrer oder den Stoff einer Maske gedämpfte Stimme an ihr Ohr. „In Ihrem Alter sind Stürze… oft final.“
Das Letzte, was Alma hörte, war das hämische Klicken einer Schusswaffe oder eines Messers, das aufgeklappt wurde, bevor die Dunkelheit des Rössliplatzes sie vollends umschloss.
Der kalte Stein des Brunnenrandes presste sich gegen Almas Wange, und der Geschmack von Eisen und abgestandenem Regenwasser füllte ihren Mund. Die blendende Taschenlampe in der Hand des Fremden brannte wie ein bösartiges Auge in ihrer Netzhaut, doch hinter dem Schleier des Schmerzes arbeitete Almas Verstand mit der kalten Präzision einer Intensivstation-Überwachung. Sie spürte den schweren Atem des Mannes über sich – ein Geruch nach billigem Tabak und jenem klinischen Reinigungsmittel, das sie bereits in der Backstube wahrgenommen hatte.
„Ein unglücklicher Sturz, Alma“, raunte die Stimme, während der Lederhandschuh sich grob um ihren Oberarm schloss, um sie hochzuzerren. „Die Versicherung wird sagen, die Bremsen hätten versagt. Ein tragisches Ende für eine so… aufmerksame Frau.“
Doch der Angreifer hatte eine entscheidende Variable in seiner Gleichung vergessen: Almas „Ferrari“ war nicht nur eine Gehhilfe, er war ein Arsenal.
Mit einer ruckartigen Bewegung, die ihre Gelenke aufschreien liess, griff Alma nicht nach Halt, sondern nach der Seite ihres umgekippten Rollators. Dort, in einer unauffälligen Halterung, steckte ihre schwere, gusseiserne Thermoskanne – gefüllt mit dem kochend heissen, sirupartigen Kaffee, den sie sich kurz vor ihrem Aufbruch zubereitet hatte.
In einer flüssigen Bewegung, die sie tausendfach beim Umlagern schwerer Patienten trainiert hatte, schwang sie die Kanne nach oben. Mit einem hohlen Klonk traf das massive Metall das Schienbein des Angreifers. Ein unterdrückter Schrei entwich seiner Kehle, und für einen Sekundenbruchteil taumelte er zurück.
Alma nutzte den Moment der Verwirrung. Sie rollte sich zur Seite, weg von der Lichtquelle, und tastete nach dem Bremskabel ihres sabotierten Gefährts. Mit der Kraft der Verzweiflung riss sie an dem freiliegenden Draht und peitschte ihn in die Richtung, aus der sie die Schritte hörte. Das dünne Stahlseil schnitt durch die Luft und traf den Mann im Gesicht.
„Du alte Hexe!“, brüllte er, und diesmal klang die Stimme menschlicher, verzweifelter – und erschreckend vertraut. Er stürzte sich erneut auf sie, seine Hand schloss sich um ihren Hals, und Alma spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Die Welt um sie herum begann in violetten Flecken zu zerflimmern, genau wie die grüne Substanz auf ihrem Teller.
Nicht so, dachte sie grimmig und grub ihre Fingernägel in das Handgelenk des Würgers. Nicht durch jemanden, der zu feige ist, sein Gesicht zu zeigen.
Plötzlich zerriss ein scharfer, autoritärer Knall die neblige Stille des Rössliplatzes.
„POLIZEI! WAFFE FALLEN LASSEN ODER ICH SCHIESSE!“
Der Druck an Almas Kehle liess schlagartig nach. Ein greller Suchscheinwerfer flutete den Platz, und das schnelle Klackern von Stiefeln auf dem Kopfsteinpflaster näherte sich mit rasender Geschwindigkeit.
„Laufen Sie, verdammt!“, rief eine zweite Stimme aus der Ferne – Retos Stimme –, doch Sophie Unterdorf war bereits am Brunnen.
Der Angreifer zögerte keine Sekunde. Er stiess Alma hart von sich weg, sodass sie gegen die Speichen ihres Rollators prallte, wandte sich um und verschwand mit einem Satz in der Dunkelheit der Hintergassen, noch bevor Sophie den Abzug krümmen konnte.
„Frau Obermaier! Alma!“, Sophie kniete neben ihr nieder, die Dienstwaffe noch im Anschlag, während ihr Atem in weissen Wolken in der Nachtluft hing. „Atmen Sie! Ganz ruhig. Ich habe Sie… ich habe Sie gesehen, wie Sie aus dem Haus geschlichen sind. Gott sei Dank bin ich Ihnen gefolgt.“
Alma hustete, ein trockenes, rasselndes Geräusch, und griff nach Sophies Arm. Ihr Blick war starr auf den Brunnen gerichtet. „Das Handy…“, krächzte sie und wies mit zitterndem Finger auf das Wasser. „Holen Sie… das Handy raus, Kindchen. Bevor er… oder sie… zurückkommt.“
Der Polizeiposten Wetzikon roch um vier Uhr morgens nach abgestandenem Automatenkaffee und dem beissenden Aroma von Desinfektionsmitteln – ein Geruch, der Alma nur allzu vertraut war und ihre Sinne schärfte, während sie auf einem viel zu harten Holzstuhl saß. Ihr „Ferrari“ lehnte mit verbogenem Griff wie ein verletztes Tier an der Wand, doch Alma selbst wirkte, trotz des Hämatoms, das sich langsam dunkelblau an ihrem Hals abzeichnete, wie eine thronende Richterin.
Sophie Unterdorf saß gegenüber an ihrem Schreibtisch, das geborgene Handy des Bäckers vor sich auf einem sterilen weissen Tuch. Dank einer wasserdichten Hülle hatte die Technik den Sturz in den Brunnen überlebt, doch die Informationen, die das Display preisgab, schienen Sophie mehr zu verwirren als zu erleuchten.
„Ich verstehe es nicht, Alma“, murmelte Sophie und rieb sich die müden Augen. „Hier sind Dutzende Nachrichten an einen anonymen Kontakt, die alle nur aus Zahlenkolonnen und Zeitangaben bestehen. 14-11-84… 02-12-84… Es sieht aus wie ein Inventar, aber es ergibt keinen Sinn. Und dann ist da dieses Foto von einem alten Grundbuchauszug, der mit einem violetten Stempel markiert ist, den ich noch nie gesehen habe.“
Alma spürte, wie ein eiskalter Schauer über ihren Rücken lief, der nichts mit der nächtlichen Kälte zu tun hatte. Diese Zahlen waren keine Inventarnummern. Es waren die Koordinaten ihres eigenen Archivs.
„Geben Sie mir das Gerät, Kindchen“, sagte Alma, und ihre Stimme war so fest wie das Skalpell eines Chirurgen.
„Ich darf nicht, das ist ein Beweisstück…“, setzte Sophie an, doch ein Blick in Almas unnachgiebige Augen liess sie verstummen. Sie schob das Handy ein Stück über den Tisch.
Alma fixierte die Daten. „14. November 1984. Das ist der Todestag von Arthur Meili. Und der zweite Termin… das ist der Tag, an dem die Ampullen aus dem Giftschrank der Klinik verschwanden.“ Sie sah auf, und ihr Blick bohrte sich in Sophies. „Der junge Bäcker hat nicht nur Brötchen gebacken, Sophie. Er hat in der Vergangenheit gewühlt. Er hat herausgefunden, dass das Startkapital für seine Bio-Bäckerei und das Land für Schlemmers Residenz mit demselben Blut bezahlt wurden.“
Sophie runzelte die Stirn. „Sie meinen, er hat den Bürgermeister erpresst? Aber warum sollte Sabine das Handy dann verschwinden lassen? Wenn ihr Verlobter ein Erpresser war, wäre sie doch die Nutzniesserin gewesen.“
„Nicht, wenn sie diejenige war, die die Nachrichten geschrieben hat“, konterte Alma düster. „Schauen Sie sich den Schreibstil an. Diese Kälte, diese präzise Gier. Das ist nicht die Handschrift eines Bäckers, der sich um Dinkel-Seelen sorgt. Das ist die Handschrift von jemandem, der Schulden bei einer Boutique hat und über Leichen geht, um sie zu begleichen.“
Alma wusste es jetzt. Die Puzzleteile fügten sich mit einem schmerzhaften Klicken zusammen. Schlemmer lieferte das Motiv und das Geld, Gisela lieferte das Gift aus alten Beständen, und Sabine… Sabine war der Trojaner im Herzen der Bäckerei gewesen. Doch ihr fehlte das letzte Glied in der Kette: die Verbindung, die beweist, dass das Gift tatsächlich aus Giselas Garten den Weg in die Backstube fand.
„Wir haben den Täter, Sophie. Oder besser gesagt: Das Trio Infernale von Robenhausen“, flüsterte Alma. „Aber Reto wird uns auslachen, wenn wir ihm mit alten Klinikdaten kommen. Wir brauchen das physische Bindeglied. Wir brauchen den Beweis, dass Sabine und Gisela gemeinsame Sache machen.“
In diesem Moment leuchtete das Display des Handys erneut auf. Eine neue Nachricht ploppte auf, von einem Absender, der nur als „G.“ gespeichert war: „Der Keller ist feucht. Die Ernte muss heute Nacht eingefahren werden. Bring den Schlüssel.“
Alma erhob sich mühsam, das Knacken in ihren Knien ignorierend. „Das ist unsere Chance, Sophie. Ziehen Sie Ihre Jacke an. Wir gehen zur Ernte.“
Der Polizeiposten war nun vollends zum Schauplatz einer Verschwörung geworden, die sich weit jenseits des offiziellen Dienstweges bewegte. Alma stand am Fenster und beobachtete, wie die ersten blassen Streifen der Dämmerung den Kirchturm von Robenhausen konturierten. In ihren Händen hielt sie das Handy des Toten, als wäre es eine entsicherte Granate.
„Frau Obermaier, wir können das nicht tun“, flüsterte Sophie, während sie nervös an ihrem Koppel zupfte. Ihr Blick huschte immer wieder zur Tür, hinter der man das ferne, beruhigende Schnarchen von Reto Zürcher hörte. „Einen Köder auswerfen, ohne Verstärkung, ohne richterlichen Beschluss… wenn das rauskommt, ist meine Karriere in Wetzikon beendet, bevor ich meine erste Gehaltserhöhung sehe.“
Alma drehte sich langsam um. Das Blaulicht-Hämatom an ihrem Hals wirkte im fahlen Morgenlicht wie ein Ehrenabzeichen. „Kindchen, Ihre Karriere ist bereits beendet, wenn wir zulassen, dass Schlemmer und seine Komplizen die Beweise verbrennen, während wir auf ein Formular warten. In der Pflege lernt man: Wenn der Patient keine Luft mehr bekommt, fragt man nicht nach der Versicherungskarte. Man schneidet die Kehle auf.“
Sophie schluckte schwer. Ihre Hand zitterte leicht, als sie nach ihrem Funkgerät griff, es dann aber doch stecken liess. Die Unsicherheit in ihren Augen kämpfte gegen die Bewunderung für die eiskalte Entschlossenheit dieser Frau, die eigentlich im Strickkreis sitzen sollte. „Was haben Sie vor?“
„Wir antworten auf die Nachricht“, sagte Alma, und ein raubtierhaftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Aber nicht als Gisela. Wir schreiben Sabine von diesem Handy aus. Wir lassen sie glauben, ihr Plan, das Gerät im Brunnen zu versenken, sei gescheitert – und dass wir es haben.“
Mit Sophies zittriger Erlaubnis tippte Alma eine Nachricht ein. Ihre Finger flogen über das Display, als würde sie eine tödliche Medikamentendosis aufziehen: „Der Brunnen gibt zurück, was ihm nicht gehört. Treffen in zehn Minuten hinter der alten Backstube. Bring das Schweigegeld, oder der Bürgermeister erfährt, wer wirklich am Abzug stand. – A.“
„A wie Alma?“, fragte Sophie entsetzt. „Sie locken sie direkt zu sich? Das ist Selbstmord!“
„A wie Archiv, Kindchen“, korrigierte Alma sie trocken. „Sie wird denken, es sei eine anonyme Drohung. Sie wird kommen, weil sie gierig ist. Und sie wird nervös sein. Wenn sie dort erscheint, mit dem Geld oder – was noch wahrscheinlicher ist – mit einer weiteren Dosis von Giselas Spezialmischung, dann haben wir sie.“
Zehn Minuten später kauerten sie im Schatten der alten Lieferrampe der Bäckerei. Die Luft war so kalt, dass jede Inhalation in den Lungen brannte. Sophie hielt ihre Dienstwaffe fest umschlossen, der Finger am Abzugsbügel, während sie sich tiefer in ihre Jacke duckte. Sie war mutig genug, hier zu sein, aber jedes Mal, wenn ein Ast knackte, sah Alma, wie die junge Polizistin zusammenzuckte.
„Ganz ruhig, Sophie“, flüsterte Alma, die auf ihrem beschädigten „Ferrari“ lehnte wie ein General auf seinem Pferd. „Hören Sie das? Das ist nicht der Wind.“
Aus der Dunkelheit der Gasse löste sich eine Gestalt. Es war Sabine. Sie bewegte sich nicht wie eine trauernde Verlobte, sondern wie eine Schattenläuferin. In der rechten Hand hielt sie einen schweren Umschlag, in der linken… etwas Kleines, Funkelndes. Eine Spritze.
„Gisela hat gesagt, es sei vorbei“, zischte Sabine in die Dunkelheit, ihre Stimme schrill vor unterdrückter Hysterie. „Wer ist da? Zeig dich! Ich habe das Geld, aber ich schwöre, wenn du den Mund nicht hältst, schicke ich dich dorthin, wo Lukas jetzt ist!“
Sophie wollte gerade vorspringen, doch Alma hielt sie mit einer eisernen Hand am Arm zurück. „Noch nicht“, hauchte sie. „Lass sie reden. Wir brauchen das Geständnis für das Protokoll, das du so sehr liebst.“
Sabine trat einen weiteren Schritt in den fahlen Lichtkegel der Strassenlaterne, und ihr Gesicht war eine Fratze aus Gier und nacktem Terror. Sie hielt die Spritze wie einen Dolch, die klare Flüssigkeit darin schimmerte bösartig violett im fahlen Schein.
„Glaubst du, ich habe Angst vor einer Erpressung?“, rief sie in die Schatten der Backstube, während ihre Stimme sich fast überschlug. „Lukas war eine Belastung! Er wollte alles hinschmeissen, wollte zur Polizei gehen, nur weil er ein paar Zahlen in den alten Büchern gefunden hatte. Er verstand nicht, dass Schlemmer uns gross machen wollte! Die Senioren-Residenz war unsere Eintrittskarte aus diesem verstaubten Dorf!“
Sie lachte, ein hohles, verzweifeltes Geräusch. „Gisela hat mir gezeigt, wie einfach es ist. Ein kleiner Tupfer auf den Kragen, ein winziger Kontakt an der Halsschlagader, wenn er sich das Hemd richtet. ‚Natürliche Ursache‘, hat Schlemmer versprochen. Er hat die Akten von 1984 gesäubert – er weiss, wie man Spuren tilgt. Und ich? Ich bekomme die Bäckerei, das Land und das Geld, das Lukas mir verweigert hat!“
Alma spürte, wie Sophie neben ihr vor Entsetzen erstarrte. Das Geständnis war vollständig. Jedes Wort war ein Sargnagel für das Trio.
„Genug“, sagte Alma und trat mit ihrem demolierten Rollator aus dem Schatten. Das Licht der Laterne traf ihr Gesicht und betonte jede tiefe Falte, jeden Ausdruck ihrer unerschütterlichen Autorität. „Es reicht, Sabine. Lukas war kein Held, aber er war ein Mensch. Du bist nur ein Parasit, der sich an alten Sünden nährt.“
Sabine starrte Alma an. Für einen Moment schien ihr Gehirn die Information nicht verarbeiten zu können. Dann weiteten sich ihre Pupillen zu schwarzen Abgründen. „Du? Die alte Nachtschwester?“ Ein hässliches Knurren entwich ihrer Kehle. „Du hast das Handy gar nicht. Du hast nichts! Nur deine Geschichten von früher!“
Mit einer Geschwindigkeit, die man der zierlichen Frau nicht zugetraut hätte, stürzte Sabine nach vorne. Sie ignorierte die Dunkelheit, in der Sophie noch verborgen war, und zielte mit der Spritze direkt auf Almas entblößten Hals. „Dann stirbst du eben wie er! Eine weitere ‚verwirrte Rentnerin‘ mit Herzversagen!“
Alma hob instinktiv den Arm, um den Einstich abzuwehren, doch ihre Reflexe waren den Jahren geschuldet zu langsam. Die Nadelspitze war nur noch Zentimeter von ihrer Haut entfernt, als ein ohrenbetäubender Knall die Stille der Nacht zerriss.
Sophie war hervorgesprungen. Sie hatte nicht geschossen, sondern Sabine mit der Wucht ihres gesamten Körpers gerammt. Die beiden Frauen prallten hart gegen die gemauerte Wand der Backstube. Die Spritze flog in einem hohen Bogen davon und zerbarst auf dem Kopfsteinpflaster, wo sich der violette Inhalt zischend in den Rissen verteilte.
„Polizei! Am Boden bleiben! Sofort!“, brüllte Sophie. Ihre Stimme zitterte nicht mehr; sie war nun das Gesetz. Mit einem routinierten Griff, den sie in der Ausbildung tausendfach geübt hatte, drehte sie Sabines Arm auf den Rücken und drückte ihr Gesicht in den kalten Mehlstaub der Rampe.
Sabine kreischte und fluchte, während die Handschellen mit einem harten, endgültigen Klicken zuschnappten.
Alma liess die Luft aus ihren Lungen fließen und stützte sich schwer auf den verbogenen Griff ihres „Ferraris“. Ihr Herz raste, doch ihr Blick blieb klinisch kühl. Sie sah auf die zerbrochene Spritze hinunter.
„Gute Arbeit, Polizeimeisterin Unterdorf“, sagte Alma leise, während in der Ferne nun doch die Sirenen von Retos Verstärkung aufheulten. „Aber halten Sie die Handschellen bereit. Wir haben noch einen Bürgermeister und eine Kräuterhexe, die auf ihre letzte Abrechnung warten.“
Die Backstube der Familie Bäck war in dieser Nacht kein Ort des Handwerks, sondern eine Bühne für ein makabres Endspiel. Das gelbliche Licht der einzigen nackten Neonröhre an der Decke flackerte rhythmisch und warf lange, zuckende Schatten auf die mehlbestäubten Wände, die wie stumme Zeugen einer jahrzehntelangen Verschwörung wirkten. Der Geruch von abgestandenem Hefe-Teig vermischte sich mit dem beissenden Aroma von Bohnerwachs und der eisigen Feuchtigkeit, die durch die Ritzen der alten Mauern kroch.
Alma Obermaier thronte auf einem einfachen Holzstuhl, ihren „Ferrari“ wie ein gepanzertes Bollwerk vor sich positioniert. Ihre Hände, gezeichnet von den Furchen eines langen Arbeitslebens, umschlossen eine Thermoskanne aus gebürstetm Stahl. Mit einer fast rituellen Langsamkeit goss sie den tiefschwarzen Kaffee in drei zerbeulte Keramiktassen. Das Dampfen des Getränks stieg in den kalten Raum auf wie der Odem eines herannahenden Unheils. „Setzen Sie sich, Herbert. Gisela. Es gibt keinen Grund zur Eile“, sagte Alma, und ihre Stimme besass die schneidende, klinische Präzision einer Oberschwester, die schon tausendmal den Tod beim Namen gerufen hatte.
Dr. h.c. Herbert Schlemmer und Gisela Moosbacher traten aus der Dunkelheit des hinteren Backraums. Schlemmer, dessen massiger Körper in dem teuren Massanzug wie ein eingesperrtes Tier wirkte, strich sich nervös über sein schütteres Haar. Seine Augen wanderten rastlos durch den Raum, suchten nach einem Fluchtweg, doch die psychologische Dominanz der alten Frau hielt ihn fest. Gisela hingegen wirkte wie eine vertrocknete Giftpflanze; ihre Haut war pergamentartig, ihre Finger krallten sich in die Wolle ihrer Strickjacke. Sie hielten Alma für ein Relikt der Vergangenheit, eine harmlose Rentnerin, deren Verstand im Nebel der Jahre verloren gegangen war. Ein fataler Irrtum, den sie mit ihrer Freiheit bezahlen würden.
Im Schatten der gewaltigen Knetmaschine, verborgen hinter einem Stapel leerer Mehlsäcke, kauerte Sophie Unterdorf. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, während sie die Kopfhörer fester an ihre Ohren presste. Das hochempfindliche Richtmikrofon, das Alma geschickt am Griff ihres Rollators verborgen hatte, übertrug jedes Flüstern, jedes verräterische Knarren der Dielenböden. Sie war die unsichtbare Jägerin, die darauf wartete, dass die Beute in die Falle trat, die Alma mit so viel Geduld ausgelegt hatte.
„Wissen Sie, Herbert“, begann Alma und schob dem Bürgermeister die Tasse mit einer Geste zu, die sowohl mitleidig als auch drohend wirkte, „Zucker maskiert den bittersten Geschmack. In der Pflege nutzen wir ihn, um den Patienten die Medizin schmackhaft zu machen, die sie eigentlich nicht schlucken wollen. Lukas war wie dieser Kaffee – pur, ungeschönt und viel zu stark für Ihren empfindlichen Magen.“
Schlemmer lachte hohl, ein trockenes Geräusch, das in der Stille der Backstube wie brechendes Glas widerhallte. Er nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und lehnte sich vor. Das künstliche Licht betonte die tiefen Furchen seines Gesichts, die wie Narben einer korrupten Karriere wirkten. „Du redest in Rätseln, Alma. Lukas war ein instabiler Junge, der den Druck der Moderne nicht ausgehalten hat. Ein tragischer Unfall, mehr nicht. Dass er ausgerechnet in seinem eigenen Dinkelmehl sterben musste… nun ja, das Schicksal hat einen grausamen Humor.“
Alma fixierte ihn mit ihren hellwachen Augen, in denen sich das Flackern der Neonröhre spiegelte. „Das Schicksal trägt in Robenhausen oft einen Massanzug oder eine Kräuterschürze. Ich habe Lukas sterben sehen, Herbert. Seine Pupillen waren so weit wie die Abgründe Ihres Gewissens. Das war kein Herzversagen. Das war die perfekte Synergie aus politischem Kalkül und botanischem Fachwissen.“ Sie wandte ihren Blick zu Gisela, die unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. „Nicht wahr, Gisela? Der Eisenhut in Ihrem Garten hat diesen Herbst besonders prächtig geblüht. Genug Gift, um ein ganzes Dorf zum Schweigen zu bringen, wenn es droht, die Fundamente von 1984 freizulegen.“
Gisela zischte wie eine aufgeschreckte Viper. „Er wollte alles zerstören! Den Ruf des Marktes, die Pachtverträge, die Ordnung, für die wir Jahrzehnte gearbeitet haben! Er wollte die alten Akten aus dem Archiv zerren, die längst zu Staub zerfallen sein sollten. Er war ein Verräter an seinem eigenen Blut!“ Das Geständnis hing in der Luft, schwer und unausweichlich wie der Duft von Verwesung. In der Dunkelheit hinter den Mehlsäcken lächelte Sophie grimmig. Die Falle war zugeschnappt, und die Gier der Verdächtigen hatte den Riegel vorgeschoben.
Das Echo von Giselas Worten schien die Backstube erzittern zu lassen. Schlemmer sprang auf, sein Gesicht nun eine Maske aus purpurnem Zorn. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass der Kaffee in den Tassen tanzte. „Genug von diesem Kaffeeklatsch! Glaubst du wirklich, dass eine ausrangierte Krankenschwester mit einem klapprigen Rollator die Ordnung in diesem Kanton stürzen kann? Wir sind Robenhausen, Alma! Wir sind das Gesetz, das Schweigen und das Blut!“
Er trat einen Schritt auf sie zu, die massigen Hände zu Fäusten geballt, bereit, die unbequeme Zeugin ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Doch er hatte die klinische Kaltblütigkeit Almas und die unterschätzte Masse ihres Gefährts unterschätzt. Mit einer winzigen, fast beiläufigen Bewegung ihrer Füsse löste sie die Arretierung der Bremsen und verlagerte ihr gesamtes Gewicht auf die Griffe des „Ferraris“.
„In der Geriatrie lernt man eines, Herbert“, sagte Alma mit einer Stimme, die so kalt war wie die Fliesen der Leichenhalle, „unruhige Patienten müssen fixiert werden, bevor sie sich selbst oder anderen schaden.“ Mit einem plötzlichen, explosiven Ruck stiess sie den Rollator nach vorne. Das schwere Metallchassis, beladen mit Almas schweren Aktenordnern im Korb, prallte mit der Wucht eines Katapults gegen Schlemmers Schienbeine. Ein hässliches, trockenes Knacken erfüllte den Raum, gefolgt von einem Schrei der Agonie, der die Stille der Nacht wie eine Sirene zerriss. Schlemmer ging in die Knie, direkt vor den Rädern des Ferraris, als würde er um Gnade flehen.
Gisela wollte zur Tür flüchten, doch Alma reagierte blitzschnell. Sie griff nicht nach einer Krücke, sondern nach dem schweren, in Leder gebundenen Archivordner aus ihrem Korb – dem Konvolut der Schande von 1984. Mit der Präzision einer Diskuswerferin schleuderte sie das schwere Buch Gisela genau vor die Füsse. Die Kräuterfrau stolperte über die gesammelten Beweise ihrer eigenen Vergangenheit und stürzte vornüber in einen offenen Sack Mehl. Eine weisse Wolke stieg auf und hüllte die Szenerie in ein gespenstisches Licht. In diesem Moment explodierte die Tür der Backstube förmlich. Sophie Unterdorf stürmte herein, die Dienstwaffe im Anschlag. „Keine Bewegung! Dr. Schlemmer, Frau Moosbacher, Sie sind festgenommen!“
Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Nebelschleier über dem Pfäffikersee durchbrachen, war der Rössliplatz von einer unnatürlichen Ruhe erfüllt. Die Backstube war nun mit gelbem Polizeiband versiegelt – ein greller Kontrast zum grauen Stein der Gassen. Schlemmer und Gisela waren abgeführt worden, ihre Arroganz unter dem Gewicht der digitalen Geständnisse zerbrochen, die Sophie über das Mikrofon am Rollator aufgezeichnet hatte.
Alma sass auf ihrer Stammbank, den „Ferrari“ sicher neben sich geparkt. Er hatte ein paar neue Kratzer am Lack, doch für Alma waren es Ehrenzeichen. Vor ihr stand ein frischer Becher Kaffee, dieses Mal mit der dreifachen Menge Zucker. Sophie setzte sich schweigend neben sie. „Wir haben die Akten von 1984 gefunden, Alma. Schlemmer hatte sie in einem Tresor hinter den Bauplänen versteckt. Ohne Ihren ‚Kaffeeklatsch‘ hätten wir nie die rechtliche Handhabe für die Durchsuchung gehabt.“
Alma nickte langsam und blickte auf die friedliche Szenerie des Marktes, der trotz allem langsam wieder zum Leben erwachte. „Die Wahrheit ist wie ein Abszess, Sophie. Man kann ihn unter teuren Salben verstecken, aber irgendwann bricht er auf.“ Sie griff in ihren Rollatorkorb und zog die aktuelle Ausgabe des Zürcher Oberländers hervor. Mit sicherem Griff schlug sie die Todesanzeigen auf. „Wissen Sie, Sophie, im Nachbardorf gibt es da eine Baugenossenschaft, deren Bilanz so ungesund aussieht wie Herberts Leberwerte…“ Sie zog ihren roten Filzstift hervor und setzte einen präzisen Kreis. „Der Ferrari braucht bald wieder Auslauf.“