Aabach, Badi und andere Strömungen.
Alma is back on the bench. Agnes is missing from the coffee stall. At the old baths on the Aabach, something is off.
Case 3 is set at the old baths in Robenhausen. The people in the story are invented. Eight chapters – each one stops before you want it to.
Weekly market · every Saturday · 08.00–11.00 · Rössliplatz
8 chapters.
Kapitel 1 Die leere Tasse
Nach dem Regen führte der Aabach trüb. Über dem Rössliplatz hing noch Feuchtigkeit, als hätte der Samstag beschlossen, unauffällig zu beginnen. Alma Obermaier sass auf der Dorfbank, den Becher in beiden Händen, und wartete auf ein Nicken, das nicht kam.
Der Kaffee war hellbraun, mit viel Milch, und so süss, dass sich am Boden schon eine klebrige Schicht bildete. Den Ferrari hatte sie an die Knie gerückt. Im Korb lagen der Zürcher Oberländer und der rote Filzstift. Alma trank und sah zum Kafi-Stand hinüber, wo Bettina Fehr die Tassen füllte, als ginge die Welt in Ordnung.
Agnes Keller fehlte.
Agnes war zweiundsiebzig und kam samstags zum Kaffee. Sie trank ihn schwarz. Alma verzieh ihr das. Die beiden nickten einander zu, kurz und ohne Drama, wie Leute, die sich nichts beweisen mussten. Heute blieb der Platz vor Bettinas Tresen leer. Alma mochte leere Plätze nicht. In der Pflege hatten leere Betten oft gelogen.
«Noch etwas süsser, Frau Obermaier?» rief Bettina.
«Nur wenn der Löffel kleben bleibt», sagte Alma.
Bettina lachte und wandte sich der nächsten Bestellung zu. Alma blieb sitzen. Sie suchte Agnes’ Gesicht in der Menge und fand nur Jacken, Taschen und den üblichen Lärm der Markisen.
Urs Hinterstocker schob sich zwischen den Ständen durch, als gehöre der Platz ihm persönlich. Er grüsste, lächelte und blieb vor Alma stehen, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der eine Geschichte schon fertig hatte, bevor jemand nachfragte.
«Agnes», sagte er, und machte eine Handbewegung, die Beleidigung bedeutete. «Wegen dem Angebot. Die Leute vom Rietgrund. Sie nimmt das persönlich. Kommt schon wieder.»
Alma nahm einen Schluck. Der Zucker klebte an der Zunge.
«Agnes nickt nicht aus Beleidigung», sagte sie.
Hinterstocker lachte zu laut. «Sie hat dreimal Nein gesagt zum Flarz. Wer dreimal Nein sagt, ist beleidigt.»
«Wer dreimal Nein sagt», sagte Alma, «meint Nein.»
Sie kannte Agnes’ Flarz nur vom Hörensagen und vom Oberländer: Immenrain, letzte Bewohnerin, Kaufinteressenten, die lächelten und blieben. Agnes hatte Alma einmal erzählt, dass ein Haus kein Investment sei, wenn man darin wohne. Alma hatte genickt. Sie mochte Sätze, die ohne Marketing auskamen.
Hinterstocker rückte eine Kiste zurecht, die niemanden störte. «Der Aabach war schon immer tückisch nach Regen. Aber Agnes ist stur, nicht nass. Sie kommt.»
Er ging weiter, zufrieden mit seiner Diagnose. Alma setzte den Becher ab. Die Bank neben ihr blieb leer. Der Markt roch nach Brot und nassem Stein. Irgendwo klapperte eine Markise.
Am Nachbarstand murmelte eine Frau etwas von der alten Badi. Zu laut für Klatsch, zu früh für Unfall. Alma hörte nur Bruchstücke: gefunden, Freitag, Wasser.
Sie stand auf.
«Komm, Ferrari», sagte sie leise. «Beleidigung wartet. Funde nicht.»
Kapitel 2 Schaum am Wehr
Der Weg zur alten Badi war feucht. Schilf bog sich über den Pfad, und der Aabach führte trüb, als habe er in der Nacht etwas geschluckt, das er nicht behalten sollte. Alma rollte den Ferrari vorsichtig über die Steine. Die Kratzer am Lack reflektierten das matte Licht. Gebrauchsspuren, sagte das Dorf. Protokoll, sagte Alma.
Am Wehr hing Absperrband. Es flatterte unordentlich, wie etwas, das man in Eile angebracht hatte. Eine Spaziergängerin stand am Rand und redete mit den Händen. Alma hörte das Wort Unfall zweimal. Ertrunken einmal. Ausgerutscht dreimal. Das Dorf liebte Wörter, die niemand anfassen musste.
Der Fund war Freitag gewesen. Alma war gestern nicht hier gewesen. Heute schon. Sie blieb hinter dem Band, weil sie keine Polizistin war, und weil Ferrari kein Ausweis war. Aber sie sah.
Agnes Keller lag noch da. Ein Tuch deckte den Rumpf, nicht die Diagnose. Der Arm lag frei, nass, gegen den Stein. Alma ging nicht näher, als das Band erlaubte. Vierzig Jahre Pflege hatten ihr beigebracht, aus drei Dingen eine Wahrheit zu machen.
Schaum. Nicht viel. Am Mundwinkel und am Stein, wo das Wehr leise arbeitete. Alma kannte Schaum von Betten, an denen niemand mehr rütteln durfte. Wer ausrutscht und sofort still ist, sieht anders aus. Wer Luft holen will und keine bekommt, hinterlässt Schaum.
Dazu die Zeit: Freitagabend Fund, Samstagmorgen noch immer die Geschichte vom Rutsch. Und der Oberarm. Ein Bluterguss, nicht vom Stein. Fingerbreite. Vier, vielleicht fünf. Wer ausrutscht, greift nach dem Geländer und schürft die Handinnenfläche. Wer gehalten wird, bekommt Finger am Arm.
Hinter ihr rief jemand nach Ordnung. Ein Mann in Zivil wollte das Band straffer ziehen. Ordentlich machen. Alma mochte Ordentlichkeit, wenn sie nicht Beweise wegfegte.
Retos Wort hing schon in der Luft, bevor jemand ihn rief: Unfall. Gewässer. Fertig.
Alma rückte den Ferrari näher an die Stufe, als könne er mithören. Sie sah auf den Schaum und auf den Arm, den das Tuch nicht versteckte.
«Das war keine nasse Treppe, Agnes», murmelte sie. «Das war eine Hand.»
Kapitel 3 Ferrari an der Stufe
Sophie Unterdorf stand an der Badi-Treppe, als hätte das Absperrband auf sie gewartet. Die Uniform sass ordentlich. Der Blick nicht. Alma kannte diesen Blick: Lehrbuch gegen Instinkt, und das Instinkt gewann gerade, ohne es zuzugeben.
«Frau Obermaier», sagte Sophie. Nicht Kindchen. Nicht heute. «Sie sollten hinter die Absperrung.»
«Ich bin hinter der Absperrung», sagte Alma. «Ferrari auch. Er ist pedantisch.»
Sophie wollte lächeln und tat es nicht. Hinter ihr knisterte das Funkgerät. Reto meldete sich mit dem Tonfall eines Mannes, der schon fertig war: Unfall Gewässer. Ausgerutscht. Keine Hinweise auf Fremdeinwirkung. Alma hörte das Wort Hinweise und übersetzte es still mit: noch nicht hingeschaut.
Urs Hinterstocker kam den Weg herauf, rot im Gesicht und voller Nützlichkeit. «Wir müssen die Treppe sichern», sagte er. «Für uns alle. Das Image. Die Leute sollen nicht glauben, der Aabach…»
«Der Aabach war schon immer tückisch», sagte Alma. «Das hast du heute Morgen schon gesagt. Es wird dadurch nicht wahrer.»
Hinterstocker blinzelte. Sophie sah Alma an.
«Schaum», sagte Alma ruhig. «Zeit. Und ein Bluterguss am Oberarm in Fingerbreite. Wer ausrutscht, greift. Wer gehalten wird, bekommt Finger.»
Sophie schluckte. «Reto sagt Unfall.»
«Reto sagt, was er zuerst sagen darf», sagte Alma. «Du darfst später genauer sein.»
Hinterstocker wollte am Band vorbei zur Stufe. Aufräumen. Sichern. Das Dorf wieder anständig machen, bevor es unansehnlich wurde. Alma rollte den Ferrari vor, genau an die Stelle, wo seine Schuhe hinwollten. Die Räder verkeilten sich gegen den Stein. Der Griff blockierte den Weg, als hätte jemand Absicht mit Metall gebaut.
«Alma», sagte Hinterstocker. «Bitte.»
«Heute nicht», sagte Alma. «Die Stufe bleibt, bis Sophie sagt, dass sie gehen darf.»
Sophie atmete aus. Dann zog sie das Band straffer und stellte sich neben Ferrari, nicht dagegen. «Niemand öffnet das wieder, Urs. Nicht zum Sichern. Nicht zum Putzen.»
Hinterstocker hob die Hände, als sei er der Verletzte. Reto funkte noch einmal Unfall. Sophie drehte das Gerät leiser.
Sie trat einen Schritt zu Alma. Die Stimme war nur für sie.
«Wenn das kein Unfall war», sagte Sophie leise, «wer hatte gestern noch ein Nein von ihr auf dem Tisch?»
Alma sah zum trüben Aabach. Sie kannte das Nein. Den Namen des Käufers kannte sie noch nicht.
«Dann suchen wir den Tisch», sagte sie.
Kapitel 4 Gestern noch Nein
Agnes’ Tasche war unspektakulär. Dunkel, abgenutzt, mit einem Reissverschluss, der hakte. Alma mochte solche Taschen. Sie logen seltener als teure.
Sophie hatte sie gesichert, bevor Hinterstocker «aufräumen» konnte. Jetzt lagen die Dinge auf einem Klapptisch am Rand der Absperrung, unter einem Plastiksack gegen den Wind: Schlüsselbund, ein Taschentuch, ein kleiner Notizblock, und ein gefalteter Brief.
Alma las nicht zuerst den Briefkopf. Sie las das Datum. Gestern.
Absage. An Rietgrund Substanz GmbH. Knapp, höflich, endgültig. Agnes Keller verkaufte den Flarz am Immenrain nicht. Nicht jetzt. Nicht später. Unterschrift fest, ohne Schnörkel.
«Sie hat Nein gesagt», murmelte Sophie.
«Dreimal», sagte Alma. «Das hier ist nur das letzte auf Papier.»
Sophie fotografierte. Alma rückte den Ferrari näher, als müsse er den Brief auch sehen. Im Korb knisterte der Oberländer. Alma dachte an Kaufangebote, die lächelten, und an Frauen, die Nein sagten und trotzdem tot aus dem Wasser gezogen wurden.
Ein Mann blieb am Schilf stehen, als gehöre er nicht zur Menge und auch nicht zur Polizei. Heiri Landolt. Brunnenmeister. Er trug die Hände in den Taschen und den Blick auf dem Boden, als suche er dort etwas, das Rohre erklärten besser als Menschen.
«Heiri», sagte Alma.
Er nickte. «Wagen», sagte er. Mehr nicht. Dann, weil Alma wartete: «An einem Schacht. Nachts. Lieferung oder so.»
«Farbe?»
Heiri zuckte mit den Schultern. «Hell. Firmenaufschrift. Sanierung.» Er stockte. «Hab wenig gesagt. Sag auch jetzt wenig.»
«Wenig reicht», sagte Alma. «Nacht reicht.»
Am Rand der Menge tuschelte jemand von einem Fischer und Netzen. Alma hörte es und legte es beiseite, wie man eine falsche Diagnose beiseitelegte, ohne sie zu zerreissen. Falsche Fährten starben manchmal von allein. Manchmal brauchte man Geduld.
Sophie faltete den Brief zurück in die Hülle. «Rietgrund», sagte sie. «Kenne ich vom Papier. Nicht vom Gesicht.»
Alma sah zum Weg, der zurück zum Platz führte. «Gesichter kommen samstags», sagte sie. «Wagen nachts.»
Heiri war schon einen Schritt weg. Dann blieb er stehen, ohne sich umzudrehen.
«Der Wagen war in der Nacht da», sagte er. «Kennzeichen hab ich nicht. Aber die Aufschrift war Suter.»
Alma griff zum Griff des Ferrari.
Kapitel 5 Der Flarz sei frei
Eine Woche später tat der Rössliplatz so, als könne man trauern und gleichzeitig Kisten stapeln. Die Markisen waren trocken. Der Aabach war klarer. Agnes’ Platz am Kafi blieb leer, und genau deshalb redete das Dorf lauter.
Alma sass wieder auf der Bank. Der Kaffee klebte. Ferrari an den Knien. Hinterstocker verteilte Normalität wie Flyer.
«Eine tragische Geschichte», sagte er zu niemandem und zu allen. «Der Bruder damals. Moritz. 2006. Manche werden still. Manche…» Er suchte ein Wort, das Selbstmord meinte, ohne es zu sagen. «Manche gehen ans Wasser, wenn die Trauer zu schwer wird.»
Alma trank. «Agnes ist nicht an Trauer gestorben», sagte sie. «Und Moritz ist nicht dieser Samstag.»
Hinterstocker lächelte verletzt und ging weiter. Am Tresen tuschelten zwei Frauen, dass der Flarz jetzt frei sei. Frei war ein hässliches Wort für ein Haus, in dem noch Geschirr stehen konnte.
Ivo Suter parkte einen hellen Lieferwagen schief am Rand des Platzes. Sanierung stand darauf, freundlich und praktisch. Ivo selbst war Anfang vierzig, Hände wie jemand, der arbeitet, Lächeln wie jemand, der helfen will. Alma beobachtete, wie er Bettina grüsste, eine Kiste trug, und nebenbei einem Mann mit Hut erklärte, dass man bei alten Häusern nachts oft ruhiger arbeite.
Ivo sah Alma an und lächelte, als sei eine alte Frau mit Rollator das Harmloseste auf dem Platz. Alma lächelte zurück, höflich wie beim Tee, und sagte nichts von Fingerbreite. Sie liess ihn reden. Leute, die zu viel erklärten, brauchten selten Hilfe beim Verraten.
«Schöne Arbeit, Frau Obermaier», sagte Ivo im Vorbeigehen, ohne Grund. «Der Ferrari. Gut in Schuss.»
«Kratzer», sagte Alma. «Protokoll.»
Ivo lachte. Der Wagen war hell. Die Aufschrift war Suter. Heiri hatte wenig gesagt. Wenig reichte.
«Weniger Verkehr», sagte Ivo zum Mann mit Hut, schon halb am Fahrersitz. «An der Badi sowieso. Nachts ist man allein — ausser man kennt das Wehr.»
Alma blieb stehen. Der Becher klebte an den Fingern. Derselbe Wagen. Dieselbe Aufschrift.
Kapitel 6 Schon angerissen
Der Immenrain war eine kurze Strasse mit zu viel Himmel. Agnes’ Flarz stand am Ende, als hätte es beschlossen, allein zu bleiben. Die Fensterläden waren geschlossen. Die Tür nicht. Alma merkte das sofort. Türen, die offen standen, obwohl niemand mehr wohnte, gehörten zu den Diagnosen, die man riechen konnte.
Sie rollte den Ferrari über den Kies. Im Korb knisterte Papier. Alma ging nicht hinein wie eine Einbrecherin. Sie ging hinein wie eine Frau, die nachschaut, ob die Ordnung noch stimmt.
Drinnen roch es nach Staub und frischem Bruch. Die Diele war angerissen. Unter dem Boden lag etwas Freigelegtes, das nicht zu Agnes’ Geschirr passte. Werkzeugspuren. Schmutz von Schuhen, die nachts gekommen waren. Alma blieb in der Tür stehen und liess den Blick arbeiten.
Sanierung, hatte Ivo gesagt. Sanierung vor dem Verkauf. Sanierung trotz Nein.
An der Wand hing kein Bild mehr, dafür ein Zettel mit Klebeband: Rietgrund Substanz GmbH. Briefkopf. Telefonnummer. Alma fotografierte nicht. Sie hatte keinen Apparat dafür und brauchte keinen. Namen merkte sie sich besser, wenn sie wehtaten.
Im Staub vor der Küche fand sie eine Reifenspur, schmal und praktisch, und daneben einen Handschuhabdruck, der zu fest zugepackt hatte. Alma dachte an Fingerbreite am Oberarm und an einen Lieferwagen mit der Aufschrift Suter.
Draussen sagte jemand auf der Strasse, der Fischer mit den Netzen habe für Freitagnacht ein Alibi. Kneipe. Zeugen. Alma hörte es im Vorbeigehen und nickte innerlich. Die falsche Fährte war tot. Gut. Falsche Fährten sollten sterben, bevor sie Leute frassen.
Sie trat wieder auf den Kies. Ferrari wartete wie ein Zeuge, der nichts sagte und alles sah.
Alma sah zum Flarz zurück. Schon angerissen. Schon Besitz ergriffen, obwohl das Nein auf Papier lag. Tags hing der Briefkopf. Nachts kamen die Reifen.
Sie wusste, wohin sie heute Abend musste.
«Komm», sagte sie zum Ferrari. «Die Badi. Bevor jemand das Wehr noch einmal allein kennt.»
Kapitel 7 Zu sicher
Zuerst der Keller. Alma brauchte nur einen Blick, keinen Roman. Im Ordner 2006 lag Moritz Keller: verschwunden, gegangen, ungelöst. Agnes’ Bruder. Ein Satz im Oberländer, ein Loch im Dorf. Alma strich mit dem Finger über den Namen und liess ihn liegen. Verschwunden war kein Unfall. Heute war Wasser. Die Jahre durfte sie nicht vermischen, nur anstupsen.
«Später», murmelte sie. «Du auch.»
Abends war die alte Badi stiller als der Markt. Das Absperrband hing noch, nachlässiger. Sophie kam den Pfad herauf, ohne Sirene. Alma wartete am Ferrari, die Hände am Griff, als sei Pedanterie eine Waffe.
Ivo Suter stand am Wehr, als gehöre ihm die Nacht. Der helle Lieferwagen stand im Schatten. Sanierung. Freundlich. Praktisch. Ivo rauchte nicht. Er schaute aufs Wasser, wie jemand, der Strömung versteht.
«Frau Obermaier», sagte er und lächelte. «Spät für einen Spaziergang.»
«Früh für Sanierung», sagte Alma.
Sophie blieb seitlich. Nicht versteckt. Nicht laut.
Ivo erklärte unaufgefordert das Wehr. Zu genau. Zu sicher. Nachts sei man allein, ausser man kenne die Steine. Alma hörte zu, wie sie früher Patienten zugehört hatte, die zu viel über ihre Unschuld wussten.
«Agnes kam hierher wegen der Luft», sagte Ivo. «Alle wissen das.»
«Alle wissen, was man ihnen erzählt», sagte Alma. «Fingerbreite am Oberarm wissen wenige.»
Das Lächeln wurde kleiner. Sophie trat vor.
«Herr Suter», sagte sie. «Ihr Wagen. Der Schacht. Die Sanierung im Flarz, obwohl eine Absage auf dem Tisch lag. Und Sie kennen das Wehr nachts besser als nötig.»
Ivo hob die Hände, halb Scherz, halb Kapitulation. «Ich arbeite.»
«Sie halten», sagte Alma. «Das ist etwas anderes.»
Für einen Moment sah Ivo aus, als wolle er noch etwas Freundliches sagen. Dann sah er Sophies Gesicht und liess es. Die Handschellen klickten trocken gegen das leise Arbeiten des Wehrs.
Alma rückte den Ferrari an die Stufe, nicht als Drohung, als Tatsache. Hinterstocker hätte hier aufräumen wollen. Heute gab es nichts einzuordnen ausser einem Mann, der zu sicher gewesen war.
Ivo schwieg zum Auftraggeber. Sophie fragte nach Rietgrund. Ivo sah auf seine Hände.
Aus dem Wagen knackte kurz ein Telefon. Freisprechanlage, unabsichtlich, oder Absicht ohne Gesicht. Eine Stimme, höflich und teuer, sprach von Zeitplan und Substanz und davon, dass man keine Namen brauche. Der Briefkopf in Almas Kopf ergänzte sich von selbst: Lutz. Roman Lutz. Nicht hier. Nicht in Handschellen.
Sophie nahm das Gerät. Ivo lächelte wieder, dünn, und schwieg.
Alma nickte zum Telefon in Sophies Hand. «Hände werden festgenommen. Macht telefoniert.»
Kapitel 8 Was darunter liegt
Am nächsten Marktsamstag tat der Rössliplatz so, als könne man wieder atmen. Die Markisen klapperten. Bettina füllte Tassen. Alma sass auf der Bank, den Becher in beiden Händen, Ferrari an den Knien. Der Kaffee war hell und klebrig. Das gehörte sich so.
Sophie kam kurz vorbei, ohne Uniformjacke über dem Arm, als sei Dienst und Markt verwandt. «Ivo sitzt», sagte sie. «Aussage reicht für die Hand. Für den Rest…» Sie zuckte mit den Schultern. «Papier. Anwälte. Zeit.»
«Lutz», sagte Alma.
«Lutz telefoniert», sagte Sophie. «Noch.»
Hinterstocker erschien mit einer Trauerkarte und dem Satz, der Aabach sei gesichert. Alma wünschte ihm gute Schuhe und liess ihn weitergehen. Das Dorf brauchte Leute, die Lärm machten, während andere hinsahen.
Heiri Landolt blieb am Rand der Bank stehen, als habe er einen Termin mit dem Pflaster. Er nickte Alma zu. Dann sagte er, was Brunnenmeister sagten, wenn sie nicht klatschen wollten: wenig.
«Rohr», murmelte er. «Im Graben. Fernwärme, sagen sie. Hält nicht, was darunter liegt.»
Alma setzte den Becher ab. «Was darunter liegt?»
Heiri sah zur Dorfstrasse hin, wo irgendwann aufgerissen werden würde. «Weiss nicht. Weiss nur: hält nicht.»
Sophie hörte es und merkte sich den Satz, ohne ihn sofort zu besitzen. Alma griff in den Korb, holte den Oberländer und den roten Filzstift. Sie kreiste nichts Lautes ein. Nur eine Notiz am Rand, klein, für sich: Fernwärme. Später.
1984 kam für einen Atemzug zurück — Durst, Wasser, Station — und ging wieder. Alma liess es. Manche Durste löste man nicht an einem Samstag.
«Kindchen», sagte sie zu Sophie. «Ivo war die Hand. Die Macht trägt Mäntel und bleibt trocken.»
Sophie nickte. «Bis sie nass wird.»
Alma rollte den Ferrari ein Stück vor, als teste sie die Räder. Die Kratzer blieben. Das Protokoll auch.
«Der Ferrari braucht Auslauf», sagte sie.