Zucker, Stimmen und andere Versprechen.
Alma is back on the bench. The coffee is pale, the Saturday looks respectable. At Bettina Fehr’s coffee stall, something is off.
Case 2 is set at the real stall Kafi Feischter. The people in the story are invented. Sixteen chapters – each one stops before you want it to.
Weekly market · every Saturday · 08.00–11.00 · Rössliplatz
16 chapters.
Kapitel 1 Das Zittern im Morgenlicht
Die Sonne stand klar über dem Rössliplatz, als hätte der Samstag beschlossen, anständig auszusehen. Am Pfäffikersee hing noch Dampf. Das Kopfsteinpflaster war feucht. Hier oben roch es nach Kaffee und warmem Zopf, so friedlich, dass Alma Obermaier misstrauisch wurde. Frieden um acht war in ihrem Beruf selten ein gutes Zeichen.
Sie sass auf der Dorfbank, den Becher in beiden Händen. Der Kaffee war hellbraun, mit viel Milch, und so süss, dass sich am Boden schon eine klebrige Schicht bildete. Den Ferrari hatte sie an die Knie gerückt. Ein paar Kratzer steckten im Lack. Das Dorf nannte das Gebrauchsspuren. Alma nannte es Protokoll.
«Noch etwas süsser, Frau Obermaier?» rief Bettina Fehr vom Kaffeestand herüber.
«Nur wenn du ihn nachher noch löffelweise rauskriegst», sagte Alma.
Bettina lachte, das ehrliche Lachen einer Frau, die noch glaubte, Zucker sei das Schlimmste im Becher, und wandte sich der nächsten Tasse zu. Alma hatte den Zürcher Oberländer im Korb. Der rote Filzstift hatte diesmal keine Todesanzeige eingekreist, sondern eine kleine Notiz aus Kempten. Alma mochte Notizen. Sie starben leiser als Menschen und logen seltener.
In Kempten gab es eine Baugenossenschaft. Das war ein Verein von Leuten, die gemeinsam Wohnungen und ein Stück Land am See besassen. Wer Anteile hatte, durfte mitreden. Zum Beispiel darüber, ob am Ufer gebaut wurde oder nicht. Vor ein paar Wochen hatte die Genossenschaft Zahlen veröffentlicht. Alma hatte sie zweimal gelesen. Die Zahlen sahen ungesund aus. Sie hatte in ihrem Leben Leberwerte gesehen, die besser dastanden.
Dann war Lisbeth Wolf gestorben, eine Tante aus Kempten. Sie hatte ihrem Neffen Tobias ihre Anteile vermacht. Tobias Wolf wohnte hier in Robenhausen. Mit einem Schlag durfte er in Kempten mitbestimmen, was mit dem Land am See geschah. Alma hatte genug Erben gesehen. Die einen wurden still und wollten über das Geld nicht reden. Die anderen wurden eilig und wollten alles sofort verkaufen. Beides machte sie misstrauisch. Stille war in der Pflege oft der Moment vor dem Stillstand.
Deshalb sass sie heute auf der Bank. Sie wollte Tobias ansehen. Einfach ansehen, beim Kaffee, als wäre nichts. Menschen verrieten sich am Markt, wenn sie dachten, eine alte Frau mit Rollator schaue nur den Zopf an. Alma hatte vierzig Jahre lang zugelassen, dass man das dachte. Es war eine der nützlicheren Demütigungen ihres Alters.
Urs Hinterstocker schob sich zwischen den Ständen durch, als inspiziere er eine Militärparade aus Gemüse. Er grüsste, lächelte und rückte eine Markise zurecht, die niemanden störte. Am Nachbarstand stritten zwei Frauen darüber, wer nach dem Vereinsanlass die Tücher nicht aufgehängt hatte. Hinterstocker hörte das und nickte ernst, als sei das die eigentliche Krise des Samstags.
«Die Kehrwoche, Alma», sagte er im Vorbeigehen. «Das Laub in den Fugen. Eine Gefahr. Für uns alle.»
«Das Laub überlebt uns, Urs», sagte Alma. «Deine Politur nicht.»
Hinterstocker lachte zu laut, wie jemand, der den Witz gehört und die Diagnose verpasst hatte, und ging weiter, ohne Nina Gerber eines Blickes zu würdigen. Dabei stand sie genau vor Bettinas Tresen, wo Tobias hätte stehen sollen.
Nina war seine Verlobte. Anfang dreissig. Den Ring trug sie so fest am Finger, als habe sie in der Nacht nachgesehen, ob er noch da sei. Alma hatte die beiden oft zusammen am Markt gesehen. Heute fehlte Tobias, und Nina hielt in der einen Hand einen Gipfeli, in der anderen einen Becher, aus dem sie nicht trank. Ein Becher, den man nicht trinkt, ist am Markt verdächtig. Die Leute kommen wegen des Trinkens.
Vom Gipfeli fehlte schon die Hälfte. Krümel klebten am Mund. Trotzdem griff Nina wieder zu, hastig, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Auf der Oberlippe glänzte Schweiss, obwohl der Schatten der Häuser noch kühl war. Die Finger zitterten. Der Gipfeli verfehlte den Mund. Nina korrigierte, biss zu und kaute, ohne hinzuschauen. Alma setzte ihren Becher nicht ab. Sie kannte dieses Bild von der Station. Frauen, denen in der Nacht der Zucker weggebrochen war, hatten so ausgesehen. Nur dass Nina Gerber im Sonnenlicht stand, an einem Gipfeli kaute und der Samstag so tat, als ginge ihn das nichts an.
«Er kommt gleich», sagte Rita Bünzli.
Rita arbeitete mit Tobias im Büro der Genossenschaft. Alma kannte das Gesicht vom Markt. Dahinter sass eine Hoffnung, die niemand erfüllt hatte. Hoffnung war am Rössliplatz ein höfliches Wort für etwas, das bald unhöflich wurde. Rita stand zu nah. Ihre Hand lag an Ninas Ellbogen und blieb dort, als gehöre der Arm ihr.
Nina lächelte unscharf, als müsse sie den Satz erst übersetzen. Rita lächelte nicht. Sie wartete. Warten hatte in Almas Beruf zwei Gesichter: das der Angehörigen und das derer, die schon wussten, wie spät es war.
Hinterstocker rief etwas von einem schief stehenden Kistenstapel. Niemand hörte hin. Das war sein Talent. Er störte zur falschen Zeit und traf trotzdem nie das Falsche.
Alma nahm einen Schluck und liess den süssen Rest im Becher. Der Puls am Hals der Verlobten schlug zu schnell. Ninas Blick ging zur Gasse, dann zur Kirche, dann zur Uhr.
Tobias kam nicht.
«Komm, Ferrari», sagte Alma leise. «Der Zopf wartet. Die Verlobte nicht.»
Sie rollte den ersten Meter auf den Kafi-Stand zu. Nina zitterte noch immer und liess den Gipfeli auf den feuchten Rössliplatz fallen.
Kapitel 2 Der süsse Rest
Der Gipfeli lag auf dem feuchten Rössliplatz, und Nina Gerber folgte ihm, als hätte jemand die Fäden durchgeschnitten. Die Knie gaben nach. Sie kam hart auf das Kopfsteinpflaster, den Becher noch in der Hand. Der Deckel sprang auf. Heller Kaffee lief zwischen die Steine und vermischte sich mit dem Morgenwasser. Nina versuchte aufzustehen, schaffte es nicht und blieb auf der Seite liegen, die Augen offen und ohne Blick. Offen und ohne Blick war in Almas Welt kein Schlaf. Es war ein Urteil.
Alma war mit dem Ferrari schon unterwegs. Ein Meter, dann zwei. Die Räder ruckelten über die Fugen, unhöflich und pünktlich.
«Ein Arzt!», rief Urs Hinterstocker. Seine Stimme hatte denselben Ton wie bei der Kehrwoche, nur lauter, als könnte Lautstärke einen Kreislauf ersetzen. «Sie hat zu wenig Zmorge gehabt. Das sieht man doch. Nina, Kind, setz dich auf. Ein Schluck Wasser und ein Stück Brot, dann geht das vorbei.»
Er trat einen Schritt vor und einen wieder zurück, damit seine Schuhe trocken blieben. Alma registrierte das mit der Höflichkeit einer Frau, die schon Leute hatte sterben sehen, während andere auf den Boden schauten. Um den Stand bildete sich ein Kreis aus Neugier und Anstand, der niemandem half.
Bettina Fehr kam um den Tresen. Sie hatte die Maschine stehen lassen und kniete neben Nina, ohne auf die nasse Schürze zu achten.
«Nina? Nina, schau mich an», sagte Bettina. «Ist der Kaffee gewesen? Ich kann einen anderen machen. Warte. Ich hole Zucker.»
Alma erreichte die beiden und schob den Ferrari so vor sich, dass sie sich daran halten und langsam runterkommen konnte. Die Hüften protestierten. Hüften protestierten seit Jahren. Sie ignorierte das. Hinterstockers Wasser und Bettinas zweiten Kaffee brauchte sie nicht. Sie hatte noch den eigenen Becher, und am Boden war der süsse Rest, den sie sich für später aufgehoben hatte. Später war, wie so oft, früher gekommen.
«Mund auf, Nina», sagte Alma. «Nur ein Schluck. Er ist süss. Du magst süss. Die meisten tun das, solange sie noch dürfen.»
Sie kippte vorsichtig. Ein wenig lief über Ninas Lippen. Nina schluckte, einmal, mühsam, wie jemand, der den Weg zum Hals nicht mehr findet. Alma wartete. Auf Station C hatte Zucker oft in wenigen Atemzügen gewirkt, wenn nur der Hunger im Blut steckte. Hier geschah nichts. Der Schweiss auf Ninas Oberlippe blieb. Das Zittern in den Fingern blieb. Der Blick blieb leer. Zucker war in Almas Becher. In Ninas Blut fehlte er nicht. Es fehlte etwas, das höflicher aussah als Gift und weniger höflich endete.
«Siehst du», sagte Hinterstocker über ihnen. «Zu wenig Zmorge. Und dieser moderne Kaffee. Viel zu stark. Bettina, ich habe immer gesagt, die Maschinen sind eine Gefahr.»
Bettina schüttelte den Kopf, die Augen feucht. Alma hörte ihn nicht zu Ende. Maschinen töteten selten. Männer mit Theorien über das Zmorge auch nicht, obwohl sie es versuchten.
Sie nahm Ninas linken Arm, dort, wo Rita Bünzli eben noch die Hand gehabt hatte, und streifte den Ärmel hoch, so sachlich, als würde sie eine Infusion vorbereiten. In der Ellenbeuge sass ein kleiner, runder Einstich. Frisch. Kein Dorn, kein Insekt. Die Haut darum war schon ein wenig rot, wie eine Unterschrift, die jemand zu eilig hingesetzt hatte.
Alma kannte Spritzen. Sie kannte auch Nina Gerber, soweit man jemanden vom Markt kennt. Nina trug kein Notfallarmband. Sie hatte nie von Zuckerkrankheit gesprochen, und Tobias hätte das einer halben Marktmenge erzählt, wenn seine Verlobte sich täglich etwas spritzen müsste. Tobias erzählte gern. Das war keine Kritik. Nur eine Diagnose.
Rita stand nicht mehr am Ellbogen. Alma hob den Kopf. Rita war noch da, zwei Schritte hinter dem Kreis, die Hände jetzt an der eigenen Jacke. Sie sah nicht wie eine Helferin aus. Sie sah aus wie jemand, der wartet, ob das Warten ein Ende hat. Alma hatte Angehörige gekannt, die so standen. Und Frauen, die keine Angehörigen mehr sein wollten.
«Das ist kein Hunger, Urs», sagte Alma, ohne ihn anzuschauen. «Und es ist nicht Bettinas Kaffee. Deine Schuhe sind sauber. Freu dich.»
In der Ferne hob eine Sirene an, noch dünn, vom Dorf her. Alma blieb bei Nina auf dem nassen Pflaster, den leeren eigenen Becher in der einen Hand, Ninas Arm in der anderen, und suchte in der Menge nach einem Gesicht, das sich zu schnell abwenden würde.
Kapitel 3 Das Lehrbuch und die Lücke
Die Sirene wurde laut, dann quietschten Reifen am Rand des Rössliplatzes, mit jener unhöflichen Pünktlichkeit, die das Gesetz für sich beanspruchte. Sophie Unterdorf stieg aus, noch bevor der Motor ganz stillstand. Die Uniform sass besser als vor einem Jahr. Der Blick ging zuerst zu Alma, nicht zu Hinterstocker. Alma nahm das als Kompliment. In ihrem Alter bekam man selten welche, die nicht nach Kuchen rochen.
«Frau Obermaier», sagte Sophie. «Bleiben Sie sitzen. Ich meine: bleiben Sie bei ihr.»
Alma nickte. Nina Gerber lag noch auf dem nassen Pflaster. Der Sanitäter kniete schon, schüttelte den Kopf, und Alma brauchte keine zweite Meinung. Zweite Meinungen waren für Leute, die den ersten Tod noch für eine Diskussion hielten. Sophie kniete trotzdem selbst, kurz, sachlich, und sah den Arm, den Alma hochgeschoben hatte.
«Einstich», sagte Sophie leise.
«Kein Zmorge», sagte Alma. «Urs wird dir das Gegenteil erzählen. Er hat ein Talent dafür. Es hält den Markt zusammen und die Wahrheit auf Abstand.»
Hinterstocker war schon da, das Absperrband in der Hand, als müsse er es persönlich erfinden. «Sophie, das ist eine Unterzuckerung. Wir dürfen den Markt nicht verunsichern. Ruf Reto an. Er soll das als medizinischen Fall führen.»
«Den Markt verunsichern», wiederholte Alma freundlich. «Eine Tote auf dem Pflaster ist natürlich beruhigend, solange niemand darüber spricht.»
Sophies Funk knackte, als hätte Hinterstocker ihn bestellt. Reto Zürchers Stimme kam dünn und ungeduldig aus dem Gerät. Junge Leute kippen, wenn sie nichts essen. Kein Theater vor dem Herbstmarkt. Ein Bericht reiche, und die Sache sei erledigt. Alma kannte diesen Ton. Er hatte in der Pflege «nicht wecken» geheissen und nachts mehr Schaden angerichtet als jedes Fieber. Reto war nicht dumm. Er wollte den Samstag halten.
Sophie sah Alma an. Diesmal kippte ihre Stimme nicht.
«Ich habe den Einstich gesehen, Reto. Ich bleibe hier.»
Sie liess das Funkgerät sinken und begann das Band wirklich zu spannen. Alma nutzte den Moment und suchte die Menge. Rita Bünzli war nicht mehr zwei Schritte hinter dem Kreis. Sie ging schon, nicht rennend, nur zu glatt, den Kragen hoch, als wäre der Morgen kalt genug dafür. Am Eingang der Gasse verschwand sie, bevor Tobias Wolf auf den Platz stürzte. Zu glatt gehen war in Almas Augen seltener Unschuld als gute Schuhe.
Tobias kam von der Kirche her, atemlos, die Haare ungekämmt. Er sah Nina und machte ein Geräusch, das kein Wort war. Leute wichen zurück, mit der Höflichkeit von Menschen, die schon eine Geschichte hatten und sie nur noch anziehen mussten. Irgendwer flüsterte, sie hätten sich in der Nacht gestritten. Irgendwer sagte, er sei zu spät, und zu spät sei auch eine Art Schuld. Tobias hörte es nicht. Er wollte zu Nina, und Sophie hielt ihn fest, fest genug, dass es wie Ordnung aussah und nicht wie Anklage. Alma blieb beim Ferrari. Sie kannte diesen Blick in der Menge. Der Erbe war da, und das Dorf hatte schon angefangen, eine Geschichte zu bauen. Dörfer waren schnell. Sie brauchten nur einen Toten und einen Mann, der zu spät kam.
Erst als Tobias in Sophies Auto gesetzt wurde, zum Protokoll, nicht zur Haft, trat Armin Spörri aus der zweiten Reihe. Er kam von der Dorfstrasse her, die Hände noch nach Garage riechend, und suchte nicht die Tote. Er suchte Tobias. Das war, fand Alma, eine bemerkenswerte Priorität.
«Wo ist er?», fragte Spörri Alma, als wäre sie die Auskunft. «Er schuldet mir Geld. Ich habe Massnahmen angekündigt. Heute. Das Auto bleibt stehen, wenn er nicht zahlt. Sag ihm das.»
Alma sah ihn an, den Mann mit der kleinen Autogarage, der am Morgen einer Toten von Pfand redete.
«Armin», sagte sie. «Heute nicht. Auch deine Massnahmen können einen Samstag überleben. Die junge Frau nicht.»
Spörri knurrte etwas und ging Richtung Streifenwagen. Sophie kam zurück zu Alma, das Band endlich fest.
«Wenn du etwas hast, das über Zmorge hinausgeht», sagte sie, «will ich es hören. Nicht Reto. Mich.»
Alma klopfte einmal gegen den Griff des Ferrari, als begrüsse sie einen alten Kollegen.
«Gut», sagte sie. «Reto schnarcht sich die Unschuld zusammen. Wir tun das andere.»
Kapitel 4 Der Pen im Abfall
Die Sanitäter hatten Nina Gerber unter einem Tuch weggebracht, und Hinterstocker entdeckte seine wahre Berufung: aufräumen. Er wollte den Kafi-Stand wieder in einen anständigen Marktplatz verwandeln, bevor noch jemand fotografierte. Alma hatte schon Beerdigungen erlebt, die weniger Eile hatten. Eile nach einem Tod war selten Pietät. Es war Hygiene mit schlechtem Gewissen.
«Das Band kann weg», sagte er. «Die Leute sollen Kaffee trinken. Bettina, der Abfallkorb stinkt. Ich schütte das in den Container.»
Bettina Fehr weinte hinter der Maschine, leise, die Hände voll Schaum. «Es war nicht der Kaffee», sagte sie zu niemandem. «Nina hat kaum getrunken. Ich schwöre es.»
Alma glaubte ihr. Ein Schwur am Tresen war kein Beweis, aber Bettinas Gesicht war das einer Frau, die zu viel Dampf eingeatmet hatte und zu wenig Schuld trug. Das Gerücht würde trotzdem laufen. Zu starker Kaffee. Alma liess es laufen. Falsche Gerüchte hielten die richtigen Leute beschäftigt, bis jemand mit einem Pen kam.
«Urs», sagte sie. «Lass den Korb stehen.»
«Alma, bitte. Hygiene.»
«Hygiene», sagte Alma freundlich, «ist ein Wort, das man nach dem Aufräumen erfunden hat. Vorher heisst es Beweis.»
Sie schob den Ferrari an den Rand des Standes, dort, wo der graue Kübel unter der Holzplatte stand. Im Korb des Rollators lag noch der Oberländer, harmlos wie ein Alibi. Sie beugte sich, als suche sie eine Serviette, und griff in den Abfall. Servietten, ein Deckel, Kaffeesatz. Darunter etwas Hartes, länglich, mit einer Kappe.
Ein Pen. Wie jene Stifte, die sich Diabetiker in die Haut drehten, wenn das Leben noch eine Verhandlung war. Alma wickelte ihn in eine Serviette, so ruhig, als würde sie Zucker einpacken, und liess ihn im Korb des Ferrari verschwinden. Zucker und Insulin sahen sich nichts ähnlich, ausser dass beide süss enden konnten, wenn man sie falsch verstand.
Hinterstocker schüttete danach den Rest in den Container und sah aus, als hätte er den Kanton gerettet. Alma gönnte ihm den Moment. Helden waren am Markt knapp, und er nahm, was übrig blieb.
Sophie stand am Streifenwagen und nickte Alma nur zu. Sie fragte nicht, was im Korb lag. Sie hatte versprochen, zuzuhören, nicht alles sofort in Retos Formular zu giessen. Alma schätzte das. Formulare hatten die unangenehme Eigenschaft, lebendiger zu sein als die Toten darin.
Alma rollte heim. Das Haus an der Gasse war kühl, der Keller noch kühler, eine Temperatur, in der Papier länger hielt als Menschen. Sie stellte den Ferrari unter die nackte Birne, legte den Pen in die Schublade neben den Würfelzucker und schlug den Ordner auf, in dem sie die Notiz aus Kempten aufbewahrt hatte.
Lisbeth Wolf. Anteile. Tobias. Die Genossenschaft. Alles noch ohne Blut, nur Papier. Papier war höflich. Es wartete, bis jemand es las. Alma strich mit dem Finger über Lisbeths Namen und liess ihn auf einem zweiten Namen liegen, der in einer beigelegten Liste klein gedruckt war. Sie las ihn nicht laut. Noch nicht. Laut lesen war für Leute, die Zeugen brauchten. Alma hatte den Ferrari.
Der Pen lag neben dem Zucker. Zwei Dinge, die süss aussehen konnten und es nicht waren.
Kapitel 5 Sieben Tage später
Genau sieben Tage später roch der Rössliplatz wieder nach Zopf, und trotzdem fehlte etwas, so wie in einer Wohnung der Stuhl fehlt, auf dem jemand immer sass. Das gelbe Band war weg. Bettinas Maschine dampfte. Die Leute kauften, redeten, lachten zu kurz. Alma sass auf ihrer Bank und trank. Der Ferrari stand neben ihr. Süss blieb süss. Das Dorf tat so, als wäre das genug.
Hinterstocker ging von Stand zu Stand und sprach von Normalität, als könnte man sie in Kisten stapeln und bis November lagern.
«Der Markt lebt», sagte er zu Alma. «Nina wäre das so gewollt. Kein Trauertheater. Wir sind Robenhausen.»
«Du bist vor allem laut», sagte Alma. «Leben ist leiser. Ich habe es oft gehört, kurz bevor es aufhörte.»
Das erste Tuscheln kam mit dem Käse. Zwei Frauen, die Alma seit Jahren grüsste, senkten die Stimmen nicht tief genug. Tobias Wolf. Der Streit in der Nacht. Er sei zu spät gekommen. Er habe das Erbe gewollt und Nina nicht. Eine Verlobte, die nicht verkaufen wollte, sei unbequem. Alma hörte zu, ohne den Kopf zu drehen. Unbequem war ein hübsches Wort für tot. Das Dorf hatte seinen Täter, und der Täter hiess Erbe. Dörfer liebten einfache Diagnosen. Sie sparten Zeit und Gewissen.
Das zweite Tuscheln kam von der anderen Seite, von Männern, die Autos und Rechnungen kannten. Armin Spörri habe Massnahmen angedroht. Laut, in der Beiz, vor Zeugen. Das Auto, das Geld, der Neffe mit den Anteilen. Wer so drohe, könne auch zupacken. Alma trank. Spörri war eine Geschichte für sich. Sie würde sie nicht mit Tobias in denselben Schluck nehmen.
Rita Bünzli stand am Rand des Kafi-Stands, ohne Kaffee. Alma rollte hin, langsam, bis der Ferrari die Holzlatte berührte. Langsam war in ihrem Alter keine Schwäche. Es war eine Drohung mit Manieren.
«Sieben Tage, Rita», sagte Alma. «Sieben Tage, in denen du Ninas Ellbogen nicht mehr gehalten hast. Die meisten Helferinnen lassen früher los. Oder später. Sieben Tage ist präzise.»
Rita lächelte dünn. «Ich habe getröstet. Tobias war nicht da. Jemand musste da sein.»
«Du warst zu nah», sagte Alma. «Und zu früh fertig mit Warten. Trost hat normalerweise keine Uhr.»
Ritas Blick härtete sich. Die Hoffnung, die niemand erfüllt hatte, sah in diesem Licht nicht weich aus. Hoffnung ohne Gegenliebe wurde in Almas Erfahrung irgendwann praktisch.
«Du mit deinem Archiv», sagte Rita leise. «Glaubst du, wir wissen nicht, warum du nachts im Keller sitzt? Station C. 1984. Was ist mit den Patienten passiert, die unter deiner Aufsicht einschliefen und nie wieder aufwachten? Suchst du Gerechtigkeit, Alma, oder ein ruhigeres Gewissen?»
Der Schlag sass. Alma spürte das alte Echo und liess sich nichts anmerken. In der Pflege lernte man das. Schmerz war privat. Das Gesicht blieb Dienst.
«Mein Gewissen hat Sprechstunde», sagte sie. «Heute nicht. Heute suche ich, wer Nina eine Spritze gegeben hat. Das andere kann im Keller warten. Es ist geübt darin.»
Sie löste die Bremsen des Ferrari und drehte um, ohne zu gewinnen. Gewinnen war für Leute mit Zeugen. Hinter sich hörte sie Hinterstocker wieder Normalität verkaufen, drei Kisten, Sonderpreis. Vor sich lag der Weg nach Hause, und in den Fingerspitzen das Zucken, das sie nicht mit Rita teilen würde.
Kapitel 6 Das Linoleum in Kempten
Das Büro der Baugenossenschaft in Kempten roch nach Bohnerwachs und Kaffee aus dem Automaten, dieser Mischung aus Sauberkeit und schlechtem Trost, die Alma aus jedem Wartezimmer kannte. Sie schob den Ferrari über das Linoleum, das so glatt war, dass jeder Schritt einer Seniorin darauf zur Geschichte werden konnte. Deshalb war sie da. Offiziell. Inoffiziell war sie da, weil Männer hinter zu grossen Schreibtischen schwitzen, wenn man das Wort Ufer aussprach.
Konrad Stutz empfing sie hinter eben so einem Schreibtisch. Er lächelte, wischte sich die Stirn und verdeckte mit der Zeitung einen Stapel Pläne. Alma hatte Zeitungen immer geschätzt. Sie versteckten so höflich.
«Frau Obermaier. Was für eine Überraschung. Die Kehrwoche?»
«Das Linoleum», sagte Alma. «Es ist eine Rutschbahn. Für uns Alte. Sie bauen am Ufer eine Zukunft und können den Boden nicht halten. Das nenne ich Prioritäten. Sehr modern.»
Konrad lachte zu herzlich. Schweiss stand auf seiner Oberlippe, obwohl das Fenster offen war. Alma rückte den Ferrari an die Tischkante, nah genug, dass Metall und Macht sich kennenlernten.
«Tobias Wolf hat Anteile geerbt», sagte sie. «Von Lisbeth. Er darf mitreden, ob am See gebaut wird. Nina Gerber wollte das nicht. Nina ist tot. Sie schwitzen, Herr Stutz. Ich kenne das. Fieber sieht anders aus. Angst auch, aber ähnlicher.»
«Ich helfe dem Jungen», sagte Konrad. «Schulden, Verwirrung, Trauer. Ein Uferprojekt gibt Halt. Arbeit. Geld. Rita kümmert sich um die Unterlagen. Sie ist tüchtig. Und in der Residenz haben wir Fachleute, die wissen, wie man Ruhe bewahrt.»
Er hatte Rita zu glatt genannt. Und Fachleute. Ruhe bewahren war in Almas Ohren ein Satz aus der Nachtschicht, wenn niemand mehr fragen sollte. Alma merkte sich beides, wie man sich eine Dosis merkt: nicht schlucken, nur wissen.
«Wenn Ihre Hilfe über Leichen geht», sagte sie, «wird kein Ufer der Welt Sie halten. Auch kein Linoleum. Das wollte ich nur der Ordnung halber erwähnen. Sie halten ja so viel von Ordnung.»
Sie liess ihn mit dem Füller in der zitternden Hand zurück. Tinte war ehrlich. Sie verriet das Zittern, bevor der Mund es tat.
Im Flur stand Sophie Unterdorf, als hätte sie die Kehrwoche auch auf dem Dienstplan. Alma hätte fast gelächelt. Fast.
«Sie waren bei Stutz», sagte Sophie. «Reto will immer noch Unterzuckerung. Wenn du mir etwas zum Pen sagst, lege ich es nicht auf seinen Schreibtisch. Ich lege es in ein Kuvert zur Staatsanwaltschaft, wenn es reicht.»
«Es reicht noch nicht», sagte Alma. «Aber es riecht nach Schrank. Medikamentenschrank. Das ist ein Geruch, Kindchen, den man nicht mit Bohnerwachs verwechselt.»
Sophie nickte. «Residenz. Ich höre.»
Die Autogarage an der Dorfstrasse in Robenhausen war eine eigene Welt, laut, ölig, ohne Linoleum. Armin Spörri wischte sich die Hände an einem Lappen ab und zeigte auf einen Kleinwagen, der auf der Bühne stand, als wäre das Auto der Angeklagte.
«Massnahmen», sagte er, bevor Alma fragen konnte. «Heisst Betreibung. Heisst Pfand. Samstag früh war ich hier, zwei Kunden, Rechnung, Stempel. Tobias war nicht hier. Ich wollte ihn auf dem Markt finden. Geld. Nicht eine Tote.»
Alma sah den Stempel, den Kalender, die zwei Namen. Laut passte zu Spörri. Eine Spritze in der Ellenbeuge nicht. Spörri drohte mit Ämtern. Mörder drohten seltener so deutlich. Sie hatten Manieren, oder sie hatten Eile.
«Dann drohen Sie leiser», sagte sie. «Das Dorf hört sonst Mord. Und Mord ist teurer als ein Auto. Auch für die Garage.»
Spörri schnaubte. Alma rollte weiter, den Ferrari vor sich, und dachte an Konrads Satz von den Fachleuten in der Residenz. Ein Blick, den sie noch einlösen musste. Blicke waren in ihrem Beruf Schulden. Irgendwann zahlte jemand.
Kapitel 7 Das Archiv erwacht
Im Keller brannte die nackte Birne und warf den Schatten des Ferrari an die Regale. Alma setzte sich auf den Holzstuhl, den sie seit Jahren nicht ersetzt hatte, und schlug den Ordner auf, den sie Lisbeth Wolf genannt hatte, obwohl Lisbeth das nie erfahren würde. Tote erfuhren selten, wofür man sie noch brauchte. Das war eine der höflicheren Ungerechtigkeiten.
Das Testament war sauber. Die Tante aus Kempten hatte ihrem Neffen Tobias die Anteile vermacht, schwarz auf weiss, ohne Streitklausel. Alma las es zweimal. Papier lügt selten so plump wie Menschen. Menschen brauchten Motive. Papier brauchte nur Tinte.
Dahinter lagen Kopien aus dem Grundbuch. Ein Stück Land am See, Uferparzelle, die die Genossenschaft entwickeln wollte. Entwickeln war ein Wort, das Alma misstraute. In der Pflege hatte man auch entwickelt, wenn man Betten zusammenlegte. Konrad Stutz unterschrieb als Vorstandsmitglied. Die Zahlen daneben sahen aus wie damals im Oberländer: zu rund, zu freundlich, zu krank. Alma hatte Laborwerte gekannt, die ehrlicher waren, weil sie wenigstens zitterten.
Alma legte ein drittes Blatt daneben. Personalliste der Residenz, die nach dem alten Skandal immer noch Senioren und Ruhe verkaufte. Ruhe, wieder. Das Wort ging um wie eine Grippe. In der Spalte Pflege stand ein Name, den sie nicht mehr vergessen würde, sobald sie ihn gelesen hatte.
Irene Dettwiler. Station C. 1984.
Alma schloss die Augen. Dieselbe Station. Dieselbe Jahreszahl. Dieselbe Irene, die damals in der Küche oder auf dem Gang gewesen war, je nachdem, wen man fragte. Fragen waren 1984 unbequem gewesen. Unbequem war ein Wort, das man über Tote legte, wie ein Tuch. Alma klappte das Blatt zu, bevor das Echo zu einer Geschichte wurde, die sie heute nicht beenden würde. Keller hatten Geduld. Sie selbst auch, wenn man sie liess.
Armin Spörri passte nicht hierher. Er war laut, er wollte Geld, er drohte mit dem Amt. Eine Spritze in der Ellenbeuge war leise und klinisch. Spörri konnte Tobias das Auto nehmen. Nina das Leben zu nehmen, dazu fehlte ihm die Handschrift. Alma strich ihn innerlich an den Rand, nicht aus Güte. Aus Grammatik. Der Satz passte nicht.
Über ihr scharrte etwas an der Decke. Eine Ratte, ein Ast, ein Schritt. Alma legte die Hand auf den Ferrari und löste die Bremse nicht. Sie sah noch einmal auf die zugeklappte Liste, wo Irene Dettwiler unter einem zweiten Namen stand, den Alma aus den Nachtschichten kannte, ohne ihn aussprechen zu müssen.
«Nicht heute», sagte sie in den Keller. «Du bist geübt im Warten. Ich auch. Der Unterschied ist: ich koche noch Kaffee.»
Kapitel 8 Der See nimmt an
Nachts lag der Pfäffikersee wie eine schwarze Fläche hinter den Schilfgürteln, und der Dampf von morgens war zu feuchter Kälte geworden. Alma hatte die Reflektoren am Ferrari mit Isolierband abgeklebt. Sichtbarkeit war in dieser Stunde kein Vorteil.
Sie war nicht wegen eines Spaziergangs da. Im Keller hatte das Scharren aufgehört, und unter der Strasse zur Residenz war eine Gestalt gegangen, zu eilig für eine Nachtschicht, zu langsam für ein reines Gewissen. Alma war gefolgt, den Rollator leise, bis das Ufer den Asphalt ablöste.
Die Gestalt blieb am Steg stehen, dort, wo das Wasser die Steine leckte. Etwas Kleines, Längliches blitzte in der Hand. Ein zweiter Pen, dachte Alma. Der erste lag in ihrer Schublade neben dem Zucker. Diesen hier sollte der See behalten.
Die Gestalt holte aus.
«Den lassen Sie», sagte Alma. «Der See hat genug. Und ich habe schon gefrühstückt.»
Die Gestalt zuckte zusammen und drehte sich. Eine Kapuze, ein Schal, kein Gesicht, das Alma vor Gericht hätte beschreiben können. Der Geruch kam herüber: Desinfektionsmittel, billig und klinisch, wie auf einem Gang, den man um drei Uhr morgens wischt.
Alma hatte keine Zeit für den Geruch. Die Gestalt kam auf sie zu, nicht wie jemand, der redet, sondern wie jemand, der aufräumt. Eine Hand stiess gegen ihre Schulter. Der Ferrari kippte. Alma kam auf die Knie, das nasse Gras in den Handflächen, und der Pen flog in einem flachen Bogen gegen einen Stein am Wasser, nicht hinein, noch nicht.
Die zweite Hand fand ihren Hals.
«Rentnerinnen», sagte eine Stimme, gedämpft durch Stoff, «sollten nachts schlafen. Das spart allen eine Menge Papier.»
Alma griff nach dem Ferrari, nach der Thermoskanne, nach irgendetwas, und fand zuerst nur Dunkelheit und Druck. Die Welt wurde eng. Der See plätscherte, als ginge ihm das nichts an. Dann wurde es enger.
Kapitel 9 Die Thermoskanne am See
Der Druck am Hals liess Alma nicht viel Luft, aber er liess ihr eine Hand. In der Pflege hatte man mit weniger gearbeitet. Sie fand die Thermoskanne am Ferrari, schwer, noch warm vom Kaffee, den sie sich vor dem Aufbruch gemacht hatte. Zucker rettete jetzt niemanden. Metall schon.
Sie schlug seitlich gegen ein Schienbein. Die Gestalt keuchte, der Griff rutschte. Alma riss das Bremskabel des umgekippten Ferrari lose und peitschte es in die Dunkelheit, kurz, hässlich, genug. Höflichkeit war für den Markt. Die Kapuze taumelte zurück.
«Du alte…»
Alma hörte den Rest nicht. Sie hatte den Satz zu oft gehört, in höflicheren Zimmern, mit Blumen auf dem Nachttisch. Sie verkeilte den Ferrari zwischen sich und dem Steg, ein Gitter aus Rädern und Korb, und blieb hinter den Griffen. Die Gestalt wollte noch einmal, sah das Metall, und rannte dann den Weg zurück, in die Bäume, fort vom Pen, der am Stein lag.
«POLIZEI!»
Sophie Unterdorf kam den Pfad herunter, die Taschenlampe hart, die Dienstwaffe noch nicht im Anschlag, aber die Stimme schon. Sie hatte Alma gesehen, wie sie aus dem Haus gegangen war. Alma würde das später stehen lassen. Jetzt kniete Sophie nur.
«Alma. Atmen. Langsam.»
Alma hustete und zeigte mit dem Kinn zum Wasser. Sprechen war überbewertet, wenn ein Pen noch trocken lag.
«Der Pen. Bevor der See ihn nimmt.»
Sophie ging, vorsichtig, und fischte das Stück vom Stein, noch trocken genug. Sie hielt es in das Licht, las die Kappe, die Skala, den Aufkleber, der nicht in eine Küche gehörte.
«Das ist keine Apotheke vom Dorf», sagte sie. «Das ist Dosis-Klasse Residenz. Ich habe die Liste gesehen, als wir wegen Schlemmers Kasten dort waren. Dieselbe Art Schrank.»
Alma lehnte am Ferrari, die Kehle roh, der Kaffee in der Kanne ungetrunken.
«Dann kennen wir den Schrank», sagte sie. «Den Rest holen wir uns bei Tageslicht. Nachts ist das Personal so unhöflich.»
Kapitel 10 Das Protokoll der Kette
Der Polizeiposten Wetzikon roch um vier Uhr morgens nach Automatenkaffee und Desinfektionsmittel. Reto Zürcher schnarchte hinter einer Tür. Alma gönnte ihm den Schlaf. Schlafende Männer richteten weniger Schaden an. Sophie Unterdorf sass am Schreibtisch, den geborgenen Pen auf einem weissen Tuch, den ersten Pen aus Almas Schublade daneben. Alma sass gegenüber, den Ferrari an der Wand, ein Hämatom am Hals, das sie nicht mit einem Schal versteckte.
«Labor sagt vorläufig Insulin», sagte Sophie. «Keine Boutique, keine Bäckerei. Bestand, wie man ihn in einem Medikamentenkühlschrank der Residenz führt. Etikette passt.»
Alma nickte. Sie trank den Automatenkaffee nicht. Er war schwarz und beleidigend. «Man sollte ihn der Kehrwoche überlassen», sagte sie. «Urs fände ihn normal.»
Sophie schrieb nicht mit. Noch nicht.
«Rita Bünzli hat gespritzt», sagte Alma. «Sie stand am Ellbogen, sie hat getröstet, sie hat Hoffnung auf Tobias, die niemand erfüllt hat. Nina war im Weg. Die Spritze ist nah und leise. Das ist Rita. Liebe, die nicht ankommt, wird praktisch. Ich habe das an Betten gesehen. Hier war das Bett ein Marktstand.»
Sophie schrieb, ohne zu unterbrechen. Alma mochte das. Unterbrechen war Hinterstockers Sport.
«Irene Dettwiler kennt die Dosis», sagte Alma danach. «Sie steht auf der Personalliste der Residenz. Station C, 1984. Sie kennt Schränke. Der Geruch am See war ihr Gang, auch wenn ich das Gesicht nicht gesehen habe. Gesichter sind eitel. Geruch lügt seltener.»
Sophie sah auf. «1984 lasse ich in der Akte, nicht im Schlussbericht. Noch nicht.»
«Gut», sagte Alma. «Das Jahr hat Geduld. Konrad Stutz will Tobias’ Stimme für das Ufer. Er hat Rita die Unterlagen überlassen. Er hat von Fachleuten gesprochen, die Ruhe bewahren. Ruhe ist ein hübsches Wort, Kindchen. Es deckt fast alles zu. Er liefert das Motiv und den Schutz. Die Spritze hält er sich vom Hemd.»
Sophie legte den Stift hin.
«Und Tobias?»
«Tobias ist die Falle, nicht der Täter», sagte Alma. «Er war zu spät, er hat Schulden, er hat gestritten. Das Dorf mag das. Es macht ihn nicht zum Mörder. Es macht ihn nützlich. Wir brauchen ihn, damit Rita kommt. Nützlichkeit ist keine Unschuld. Aber es ist auch kein Urteil.»
Sophie atmete aus. «Spörri?»
«Massnahmen hiess Betreibung», sagte Alma. «Das Auto. Samstag früh war er in der Garage. Laut, nicht klinisch. Abgelegt. Er darf weiter drohen. Leiser, wenn es geht. Wird es nicht.»
Im Nebenraum wechselte Reto die Seite und schnarchte weiter. Sophie sah Alma an.
«Was jetzt?»
«Wir schreiben Rita», sagte Alma. «Nicht als Alma. Als Archiv. Nina hat etwas festgehalten. Ein Video. Das muss Rita glauben. Hoffnung braucht selten einen Beweis. Tobias schickt die Nachricht. Du hörst mit. Und Reto schläft schön weiter. Jemand muss ja die Normalität hüten.»
Kapitel 11 Das Video, das es nicht gibt
Sie trafen sich hinter Bettinas Kafi-Stand, dort, wo die Liefergasse zum Hinterhof wurde und am Samstag niemand Kaffee wollte. Der Abend lag kühl über dem Rössliplatz. Die Markisen waren eingerollt. Alma lehnte am Ferrari. Sophie prüfte das Funkgerät und liess es aus. Alma glaubte an Schatten und an junge Polizistinnen, die den Dienstweg etwas zu weit dehnten. Das nannte man Charakter. Reto nannte es Ärger.
Tobias Wolf kam mit hängenden Schultern. Die Augen waren rot. Alma hatte ihm nicht gesagt, dass sie ihn für unschuldig hielt. Unschuld war ein schweres Wort, und er hätte es vielleicht fallen lassen. Sie hatte ihm gesagt, dass er Nina eine Chance schulde. Schulden verstand er. Das war ungerecht und nützlich.
«Du schreibst Rita», sagte Alma. «Von deinem Telefon. Kurz. Nina hat etwas aufgenommen. Am Stand. Ein Video. Wenn Rita nicht kommt, geht es an die Polizei. Du unterschreibst nicht mit meinem Namen. Du unterschreibst gar nicht. Rita versteht das. Leute mit Hoffnung verstehen Drohungen besonders gut.»
Tobias schluckte. «Das Video gibt es nicht.»
«Richtig», sagte Alma. «Hoffnung braucht selten einen Beweis. Angst auch nicht. Die beiden sind verwandt. Man lädt sie selten zusammen ein.»
Sophie stand im Schatten der Mauer, Dienstjacke dunkel, nicht sichtbar vom Platz. Sie war am Rand des Dienstwegs und wusste es. Alma sah es ihr an. Gute Leute schwitzen anders als Konrad Stutz. Leiser.
Tobias tippte. Die Finger zitterten anders als Ninas am Samstag. Ninas Zittern war Chemie gewesen. Seines war Gewissen, oder was davon übrig war. Er drückte senden. Das Display blieb dunkel, dann kam eine Lesebestätigung, schnell, zu schnell für jemanden, der nichts zu fürchten hatte.
«Zehn Minuten», sagte Alma. «Du gehst. Du wartest bei Sophie im Auto, nicht hier. Wenn Rita dich sieht, redet sie nicht. Sie redet nur, wenn sie glaubt, allein zu sein.»
Tobias ging, einmal zurückblickend, als hoffe er, Nina käme um die Ecke. Alma rückte den Ferrari tiefer in die Gasse. Sophie verschwand ganz.
Die Minuten waren lang und rochen nach altem Kaffeesatz aus Bettinas Tonne. Alma dachte an Zucker, der nicht geholfen hatte, und an einen Ellbogen, der zu lange gehalten worden war. Dann hörte sie Schritte. Keine schweren Stiefel. Keine Garagenarbeit. Leichte Sohlen, eilig, und etwas Kleines, Hartes, das in einer Tasche gegen Plastik schlug.
Rita Bünzli trat in das schwache Licht hinter dem Stand. In der einen Hand hielt sie ein Couvert. In der anderen etwas, das zu dünn für Geld war und zu klar für Trost.
Kapitel 12 Die Hoffnung nimmt die Spritze
Rita blieb in der Gasse stehen, als gehöre der Hinterhof ihr. Das Couvert knackte in der Hand. Das andere Ding war eine Spritze, die Kappe noch drauf, die Flüssigkeit im Glas hell, höflich wie Wasser und weniger gastfreundlich.
«Glaubst du, ich habe Angst vor einem Video?», sagte sie in den Schatten, zu laut für jemanden, der unschuldig war. Unschuldige flüsterten oder schrien nach Hilfe. Diese Lautstärke war Theater. «Nina wollte alles hinschmeissen. Die Anteile, den Deal, Tobias. Sie hat nicht verstanden, dass Konrad uns gross machen wollte. Das Ufer war die Karte aus diesem Nest. Ich habe Tobias gesehen, jeden Tag im Büro. Ich habe gewartet. Nina hat den Ring getragen.»
Alma hörte zu. Sophie würde jedes Wort brauchen.
«Konrad hat gesagt, ich solle die Sache mit Nina erledigen», fuhr Rita fort. «Nicht so. Nicht… Er hat gesagt, Ruhe. Irene hat gezeigt, wie einfach Ruhe ist. Ein kleiner Stich, wenn man tröstet. Natürliche Ursache. Hunger im Blut. Tobias wäre frei gewesen. Frei für die Stimme. Frei für mich.»
Sie lachte, kurz und hässlich. «Das Video. Wer auch immer du bist. Ich habe Geld. Und ich habe noch eine Dosis. Man soll ja vorbereitet sein. Das hat Irene gesagt. Oder Konrad. Irgendwer mit einem Schrank.»
Alma schob den Ferrari aus dem Schatten. Das Licht von der Gasse traf ihr Gesicht, unfreundlich und ausreichend.
«Du hast Nina nicht getröstet, Rita. Du hast sie festgehalten. Das ist ein Unterschied, den man in der Pflege lernt. Die Angehörigen halten auch fest. Nur sterben dabei meist die anderen.»
Rita starrte. Einen Herzschlag lang schien sie Alma nicht einordnen zu können. Dann weiteten sich die Augen, wie Ninas sich nicht mehr geweitet hatten.
«Du. Die Alte vom Markt.»
Sie riss die Kappe von der Spritze und ging auf Alma zu, nicht wie eine Kollegin, wie jemand, der die letzte Hoffnung in der Nadel sah. Alma hob den Arm. Sophie war schneller. Sie kam aus der Mauer, den Körper voran, und rammte Rita gegen die Holzwand des Stands. Die Spritze flog, klirrte auf dem Stein, und die Flüssigkeit lief in eine Fuge, wo am Samstag Kaffee gelegen hatte.
«Polizei. Hände. Sofort.»
Die Handschellen klickten. Rita fluchte, dann weinte sie, dann fluchte sie wieder. Sophie atmete hart, aber die Stimme zitterte nicht. Alma war beinah stolz. Beinah. Stolz war für Familienfeiern.
Alma stützte sich auf den Ferrari und sah auf die zerbrochene Spritze.
«Nicht schlecht, Kindchen», sagte sie. «Halt die zweite Schelle bereit. Es fehlen zwei Tassen. Irene weiss noch nicht, dass du redest. Konrad auch nicht. Oder sie wissen es schon und räumen den Schrank. Schränke sind flüchtig, wenn Männer schwitzen.»
Kapitel 13 Kaffee für drei
Es war noch nicht Markt, nur die Stunde davor, in der die Markthütte am Rössliplatz leer stand und nach Holz und kaltem Fett roch. Alma hatte drei Becher auf den Tisch gestellt und den Ferrari so davor geparkt, dass die Griffe zum Gang zeigten. Am linken Griff sass, unscheinbar, das kleine Mikrofon, das Sophie kannte. Sophie selbst lag hinter den leeren Kisten, Kopfhörer auf, unsichtbar für jeden, der eine Rentnerin unterschätzte. Unterschätzen war Almas liebste Einladung. Man kam, setzte sich und redete. Danach war es zu spät für Manieren.
Irene Dettwiler kam zuerst. Der Gang einer Frau, die Nachtschichten gewohnt war. Der Blick einer Frau, die Alma nicht begrüssen wollte und es trotzdem tat.
«Alma.»
«Irene. Setz dich. Der Kaffee ist süss. Du magst ihn ungesüsst, wenn ich mich recht erinnere. Heute nicht. Heute trinken wir, wie die Lebenden trinken. Zumindest die, die noch dürfen.»
Konrad Stutz folgte, den Mantel zu teuer für die Hütte, das Lächeln zu früh. Er sah die Becher, den Rollator, die alte Frau, und seine Schultern sanken, als wäre die Gefahr schon vorbei, weil sie so klein aussah. Alma hätte fast um Entschuldigung gebeten. Fast. Kleine Gefahren hatten in ihrem Beruf die längeren Nachspiele.
«Was soll das, Frau Obermaier? Ein Kaffeeklatsch? Rita ist… Rita hat einen Schock. Die Polizei übertreibt.»
«Die Polizei schläft», sagte Alma. «Zumindest ein Teil. Setz dich, Konrad. Es gibt keinen Grund zur Eile. Der Markt beginnt erst um acht. Bis dahin darf man noch die Wahrheit sagen. Danach wird sie zu laut für Urs.»
Sie schenkte ein. Der Dampf stieg zwischen ihnen auf. Irene nahm den Becher, ohne zu trinken. Konrad nahm den seinen und drehte ihn, als suche er einen Riss. Alma kannte das. Männer suchten in Porzellan nach Ausgängen.
Alma setzte sich, die Hände um die Thermoskanne, den Ferrari als Brüstung.
«Nina Gerber ist tot», sagte sie. «Tobias hat Anteile. Ihr wollt das Ufer. Rita hat festgehalten. Jetzt trinken wir, und ihr erzählt mir, warum eine Spritze aus eurem Schrank auf meinem Marktplatz gelandet ist. Langsam, bitte. Ich bin alt. Und das Mikrofon ist es nicht.»
Konrad griff zur Tasse, zu fest, und der Kaffee zitterte bis an den Rand.
Kapitel 14 Was der Zucker nicht kann
«Wissen Sie, Konrad», sagte Alma, «in der Pflege haben wir den Kaffee süss gemacht, wenn die Patienten die Medizin nicht schlucken wollten. Nicht weil Zucker gütig ist. Weil er leichter die Kehle hinuntergeht. Nina war das Gegenteil. Unverstellt. Zu klar für Ihr Ufer. Deshalb liegt sie nicht mehr am Tresen, sondern unter einem Tuch, das Urs zu früh wegräumen wollte.»
Konrad trank, verzog das Gesicht und lachte hohl.
«Du redest in Rätseln. Die junge Frau hat den Druck nicht ausgehalten. Erbe, Streit, Hunger. Ein Unglück. Dass sie ausgerechnet am Kafi-Stand kippt, das Leben hat einen schlechten Humor.»
«Das Leben in Robenhausen trägt oft einen Massanzug», sagte Alma. «Oder eine Pflegeschürze. Humor hat es selten. Dafür umso mehr Kehrwoche. Ich habe Nina sterben sehen. Der Zucker hat nicht gegriffen. Hunger im Blut sieht anders aus, wenn man ihn vierzig Jahre gefüttert hat. Man verwechselt das nur, wenn man es muss.»
Sie wandte sich an Irene. Irene sass steif, die Finger am Becher, das Desinfektionsmittel noch unter dem Parfüm.
«Der Schrank in der Residenz führt Insulin», sagte Alma. «Dieselbe Dosis, die Sophie am See vom Stein geholt hat, bevor der See unparteiisch wurde. Du weisst, wie man Ruhe spritzt. Sanftes Einschlafen, habt ihr früher gesagt, wenn niemand mehr fragen sollte. Ein hübsches Wort. Es klingt nach Dienst.»
Irene zischte, kaum hörbar. Zischen war ehrlicher als Konrad.
«Sie wollte die Akten. Die Zahlen. Den Ruf der Genossenschaft. Konrad hat Halt versprochen. Rita hat Liebe gesehen, die ihr nicht gehörte. Ich habe nur dosiert. Wie man dosiert, wenn ein Körper nicht mehr kämpfen soll. Das ist keine Grausamkeit, Alma. Das ist Pflege, die niemand mehr bezahlt.»
«Pflege», sagte Alma ruhig, «hört auf, wenn die Angehörigen noch da sind. Nina hatte einen Ring. Und einen Gipfeli. Das reicht als Widerspruch.»
Konrad schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass der Kaffee tanzte.
«Genug. Eine ausrangierte Krankenschwester mit einem Rollator stürzt hier nichts. Wir sind das Projekt. Wir sind das Ufer. Du bist eine alte Frau mit zu viel Zucker und zu wenig Respekt.»
Alma rührte nicht um. Sophie hinter den Kisten würde genug haben, aber Alma wollte den letzten Satz, den man nicht in ein Formular pressen konnte.
«Station C», sagte sie zu Irene, ruhig, fast höflich. «1984. Du weisst, dass ich dort war. Du weisst, was das Dorf darüber erzählt. Heute geht es nicht um mich. Heute geht es um Nina. Mein Gewissen kann warten. Es ist geübt darin. Deines offenbar weniger.»
Irene sah sie an, lange, und sagte nichts, das eine Auflösung gewesen wäre. Schweigen war 1984 auch schon eine Methode gewesen. Konrad schob den Stuhl zurück und stand auf, der Mantel schon im Arm, als wäre die Sitzung beendet, weil er das so beschlossen hatte.
Kapitel 15 Die Fixierung
Konrad Stutz ging auf die Tür der Markthütte zu, den Mantel schon im Arm, als wäre eine Sitzung beendet. Sitzungen endeten in seinem Leben, wenn er aufstand. Alma hatte andere Enden gekannt. Irene folgte, nicht schnell, aber entschlossen. Alma löste die Bremsen des Ferrari mit einem Klicken, das in der kleinen Hütte laut war.
«In meinem Beruf», sagte sie, «hält man Leute fest, bevor sie auf den Flur laufen und anderen wehtun. Das nennt man nicht Gewalt. Das nennt man Dienst. Setzen Sie sich. Der Kaffee wird kalt. Das wäre schade. Er ist süss.»
Sie verlagerte das Gewicht auf die Griffe und stiess den Rollator nach vorn. Der Korb war voll mit dem Ordner Lisbeth Wolf und der Thermoskanne. Das Metall traf Konrad an den Schienbeinen. Er schrie, kurz, überrascht, und ging in die Knie, direkt vor den Rädern.
Irene wollte an ihnen vorbei. Alma griff nicht nach ihr. Greifen war für Jüngere. Sie schob den schweren Ordner mit dem Fuss in den Weg. Irene stolperte, fing sich an der Tür, und in diesem Moment kam Sophie Unterdorf zwischen den Kisten hervor, die Dienstwaffe unten, die Stimme oben.
«Keine Bewegung. Konrad Stutz. Irene Dettwiler. Sie sind festgenommen. Alles, was Sie gesagt haben, ist aufgenommen. Auch das mit der Pflege. Besonders das.»
Konrad fluchte. Irene sagte nichts. Draussen, zu spät wie immer, hob Retos Sirene an. Alma dachte an seinen Schlaf. Er würde behaupten, er sei wach gewesen. Männer mit Sirenen taten das.
Vor der Hütte, im ersten fahlen Licht, stand Tobias Wolf. Sophie hatte ihn nicht eingeladen. Er war gekommen, weil Gerüchte schneller laufen als Funk. Er sah Konrad auf den Knien, Irene an der Tür, Alma am Ferrari, und begriff langsam, dass die Menge ihn zu Unrecht gefressen hatte. Langsam begreifen war keine Schande. Zu spät begreifen auch nicht. Es war nur teuer.
Die Knie gaben nach. Er setzte sich auf die feuchten Steine, den Kopf in den Händen, und weinte, ohne sich zu schämen. Alma blieb im Türrahmen stehen. Sie tröstete nicht. Trost war Ritas Wort gewesen, und Rita hatte es in eine Ellenbeuge gelegt.
Der Himmel über dem Rössliplatz wurde heller. Irgendwo klapperte eine Markise. Der Markt würde bald atmen, ob die Hütte voll Polizei war oder nicht. Märkte hatten das Talent, weiterzumachen. Alma respektierte das. Es war nicht dasselbe wie Vergeben.
Kapitel 16 Die letzte Visite am Kafi
Als die Sonne den Dampf über dem Pfäffikersee zerriss, sass Alma wieder auf der Dorfbank. Der Ferrari stand neben ihr. Vor ihr dampfte ein Becher von Bettina Fehr. Alma trank, ohne den Boden zu prüfen.
Sophie setzte sich schweigend. Die Uniform war zerknittert. Die Augen waren klar.
«Wir haben genug», sagte Sophie. «Rita, die Aufnahme, die Pens, der Schrank. Konrad und Irene sitzen. Reto schreibt trotzdem zuerst an die Kehrwoche. Ich habe ihm den Bericht auf den Schoss gelegt. Er hat geblinzelt. Dann hat er nach dem Laub gefragt.»
«Natürlich», sagte Alma. «Das Laub tötet langsamer. Das beruhigt ihn.»
Hinterstocker ging vorbei, grüsste zu fest und sagte, der Markt sei nun endlich wieder in Ordnung. Alma winkte mit dem Becher.
«Urs», sagte sie. «Deine Schuhe sind sauber. Das nenne ich Fortschritt.»
Hinterstocker lachte zu laut und ging, ein Mann auf der Suche nach einer Markise, die niemand brauchte. Alma sah Sophie an.
«Die Wahrheit deckt man zu, Kindchen. Mit Bohnerwachs, mit Zmorge, mit einem hübschen Ufer. Irgendwann stinkt sie trotzdem durch. Dann braucht man keine Sirene. Nur jemanden, der nicht wegsieht.»
Sie griff in den Korb und zog den Zürcher Oberländer hervor. Die Todesanzeigen liess sie diesmal links liegen. Hinten, bei den amtlichen Notizen, stand die alte Badi am Aabach, klein gedruckt: Treibgut nach dem Regen, die Aabachgruppe bitte um Augenmass. Kein Name. Nur Wasser, das etwas anlandet, wenn man nicht hinsieht. Alma nahm den roten Filzstift und zog einen Kreis, genau, ohne zu zittern.
Sophie sah den Kreis und fragte nicht. Nicht fragen war manchmal der Beginn einer Freundschaft. Alma lehnte sich zurück und hörte zu, wie Bettina die nächste Tasse einspannte, als wäre das das Einzige, was ein Samstag leisten musste. Alma wusste es besser. Sie trank trotzdem.