Kapitel 6 „Das Schwitzen der Macht“

Das Rathaus von Wetzikon wirkte an diesem Vormittag wie ein Monument der Selbstgefälligkeit. Der Linoleumboden im Treppenhaus glänzte so unnatürlich, als wolle er jeden Fehltritt der Bürger sofort ans Licht zerren, und der Geruch von Bohnerwachs vermischte sich mit der abgestandenen Luft von Aktenordnern und unerfüllten Wahlversprechen. Alma Obermaier steuerte ihren „Ferrari“ mit einer fast schon provokanten Langsamkeit durch den Flur im ersten Stock, wobei das rhythmische Quietschen ihrer Räder auf dem glatten Boden wie eine ungeduldige Uhr tickte.

Vor der Tür mit dem Messingschild „Dr. h.c. Herbert Schlemmer – Gemeindepräsident“ hielt sie inne. Sie rückte ihre Strickjacke zurecht, strich sich eine widerspenstige graue Strähne aus der Stirn und setzte jene Miene auf, die sie über Jahre hinweg perfektioniert hatte: die Maske der pedantischen, leicht querulanten Rentnerin, die man am besten schnell zufriedenstellte, um sie wieder loszuwerden.

Ohne anzuklopfen, drückte sie die Klinke nach unten.

Das Büro war überhitzt. Schlemmer saß hinter einem massiven Eichenschreibtisch, der so gross war, dass er den kleinen Mann dahinter fast zu verschlucken schien. Als Alma eintrat, zuckte er zusammen, und seine Hand schoss instinktiv zu einem Stapel Dokumente, die er mit einer hastigen Bewegung unter einer Ausgabe des Zürcher Oberländers verbarg.

„Frau Obermaier!“, rief Schlemmer mit einer Stimme, die eine Spur zu laut und viel zu herzlich klang. „Was für eine… Überraschung. Haben wir einen Termin? Meine Sekretärin ist gerade bei der Kaffeepause, und ich bin eigentlich tief in den Planungsunterlagen für das neue Senioren-Residenz-Projekt versunken.“

Alma steuerte ihren Rollator bis direkt an die Kante seines Schreibtisches, sodass das glänzende Metall fast sein Knie berührte. Sie bemerkte sofort den feinen Glanz auf seiner Oberlippe und die dunklen Ränder unter den Achseln seines massgeschneiderten Hemdes. Es war nicht die Hitze des Raumes; es war das vegetative Aufbäumen eines Mannes, der auf einer Mine saß und darauf wartete, dass jemand den Fuss hob.

„Die Kehrwoche, Herr Bürgermeister“, sagte Alma mit einer schneidenden Trockenheit. „Es geht um die Kehrwoche am Rössliplatz. Seit… dem Vorfall letzten Woche nimmt es niemand mehr so genau. Da liegen Mehlreste in den Fugen, die den Regen aufsaugen und das Kopfsteinpflaster rutschig machen. Eine absolute Gefahr für uns Senioren. Aber Sie scheinen ja ohnehin mehr an den neuen Senioren interessiert zu sein, die bald in Ihre ‚Residenz‘ ziehen sollen, nicht wahr?“

Schlemmer lachte, ein kurzes, trockenes Bellen. „Aber Frau Obermaier, Ordnung muss sein, natürlich. Ich werde das Werkhof-Team sofort anweisen…“

„Wissen Sie“, unterbrach ihn Alma, während ihr Blick unerbittlich über seinen Schreibtisch wanderte und an einem gerahmten Foto hängen blieb, das ihn beim Spatenstich für das neue Projekt zeigte, „der junge Bäcker war auch sehr besorgt um die Ordnung. Besonders um die Ordnung der Finanzen hinter Ihrem Prestigeobjekt. Er wollte eine Bürgerinitiative starten, habe ich gehört. Er war der Meinung, dass das Seniorenheim eher ein Denkmal für Ihre persönlichen Ambitionen sei als ein Ort für uns Alte.“

Schlemmer versteifte sich. Sein Gesicht, das eben noch die Farbe von rohem Schinken hatte, nahm nun einen ungesunden Violettton an. „Der junge Mann war… fehlgeleitet. Er verstand nichts von Stadtentwicklung. Sein Tod ist eine Tragödie, zweifellos, aber wir dürfen den Fortschritt nicht wegen eines… tragischen Herzversagens aufhalten.“

„Herzversagen“, wiederholte Alma gedehnt. Sie beugte sich so weit vor, dass sie das billige Kölnisch Wasser riechen konnte, mit dem er den Angstschweiss zu übertünchen versuchte. „Interessant, dass Sie sich da so sicher sind, Herr Bürgermeister. Die Polizei wartet doch noch auf die Toxikologie, oder nicht? Oder haben Sie bereits Informationen von der Sparkasse gegenüber erhalten? Ich habe gesehen, wie Sie nach dem Zusammenbruch sofort die Kameras dort fixiert haben. Suchten Sie nach einem Zeugen – oder wollten Sie sicherstellen, dass niemand die Übergabe gesehen hat?“

Schlemmer schluckte schwer. Sein Kehlkopf hüpfte unter der straffen Krawatte wie ein gefangener Frosch. „Ich weiss nicht, was Sie andeuten wollen, Alma. Ich bin der Bürgermeister. Ich sorge für Sicherheit.“

„Dann sorgen Sie dafür, dass die Kameras der Sparkasse nicht versehentlich gelöscht werden“, sagte Alma, während sie ihren Rollator mit einem heftigen Ruck wendete. „Denn wenn ich herausfinde, dass Ihr ‚Fortschritt‘ über Leichen geht, wird kein Luxus-Seniorenheim der Welt Sie vor dem bewahren, was ich in meinem Keller über die Finanzierung Ihrer letzten Wahlkampagne gelagert habe.“

Sie verliess das Büro, ohne sich umzusehen, und liess einen Bürgermeister zurück, der so heftig zitterte, dass der Füller in seiner Hand einen hässlichen Tintenfleck auf dem weissen Papier hinterliess – wie ein dunkler Vorbote der Wahrheit.

Alma hatte die schwere Eichentür des Bürgermeisterbüros kaum hinter sich ins Schloss fallen lassen, als sie fast mit einem dunkelblauen Hindernis kollidierte. Sophie Unterdorf stand im Flur, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick fest auf die geschlossene Tür gerichtet, aus der Alma gerade hervorgestürmt war. Sophie wirkte in ihrer Uniform fast ein wenig zu zierlich für die Wucht des Gesetzes, doch die Art, wie sie ihr Kinn reckte, verriet eine Hartnäckigkeit, die Alma an sich selbst in jungen Jahren erinnerte – bevor der Zynismus der Nachtschichten ihre Kanten abgeschliffen hatte.

„Frau Obermaier“, sagte Sophie, und ein amüsiertes, wenn auch pflichtbewusstes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Lassen Sie mich raten: Die Kehrwoche am Rössliplatz entspricht nicht den kantonalen Reinheitsgeboten? Oder haben Sie den Bürgermeister gerade davon überzeugt, dass sein Krawattenknoten eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellt?“

Alma bremste ihren „Ferrari“ mit einem energischen Quietschen ab. „Unterschätzen Sie niemals die Kehrwoche, Kindchen. Sie ist das Einzige, was diese Welt noch vor der totalen Entropie bewahrt. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich hier, um die echten Schmutzränder zu finden. Was macht die Polizei im Rathaus? Suchen Sie nach dem verlorenen Anstand der Stadtverwaltung oder gibt es tatsächlich Neuigkeiten im Fall des Bäckers?“

Sophie seufzte und trat einen Schritt näher, wobei sie ihre Stimme senkte. „Wir warten auf den vorläufigen Obduktionsbericht. Aber Reto will die Sache als Kreislaufkollaps zu den Akten legen. Er sagt, junge Männer in Backstuben neigen zum Burnout. Er will keine Unruhe vor dem Herbstmarkt.“

Alma schnaubte so verächtlich, dass eine vorbeieilende Sekretärin erschrocken zusammenzuckte. „Reto Zürcher würde einen Pfeil im Rücken noch als akute Akupunktur-Verletzung deklarieren, wenn es ihm den Feierabend rettet. Hören Sie mir gut zu, Sophie. Schlemmer schwitzt. Und er schwitzt nicht, weil die Heizung im Rathaus zu hoch eingestellt ist. Er schwitzt, weil er Angst hat, dass seine ‚Senioren-Residenz‘ im Mehlstaub des Bäckers versinkt.“

Sophie sah sich kurz um, dann beugte sie sich zu Alma hinunter. „Frau Obermaier, ich schätze Ihre… Beobachtungsgabe. Wirklich. Aber ohne Beweise sind das nur Vermutungen einer – verzeihen Sie – sehr engagierten Anwohnerin. Ich kann keine Ermittlung gegen den Bürgermeister einleiten, nur weil er ein feuchtes Hemd trägt.“

„Beweise“, echote Alma und tätschelte den Griff ihres Rollators, als wäre er eine geladene Waffe. „Beweise sind wie Medikamente, Sophie. Man muss wissen, wo sie gelagert werden und wer den Schlüssel zum Schrank hat. Wenn ich Ihnen etwas liefere, das über ‚feuchte Hemden‘ hinausgeht… versprechen Sie mir dann, dass Sie es nicht sofort Reto auf den Schreibtisch legen, damit er seine Kaffeetasse darauf abstellen kann?“

Sophie biss sich auf die Unterlippe. Der Kampf zwischen ihrer vorschriftsmässigen Ausbildung und ihrem Instinkt war in ihren hellen Augen deutlich abzulesen. „Wenn es substantielle Hinweise sind… dann werde ich sie direkt an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Aber bringen Sie sich nicht in Gefahr, Alma. Das hier ist kein Kaffeeklatsch.“

„Kindchen“, sagte Alma und löste die Bremsen ihres Gefährts, „ich habe vierzig Jahre lang Menschen beim Sterben zugesehen. Vor dem Tod fürchte ich mich nicht mehr. Aber vor Langeweile? Das ist eine ganz andere Geschichte. Wir sehen uns.“

Mit einem maliziösen Lächeln liess Alma die junge Polizistin im Flur stehen. Sie hatte nun genau das, was sie brauchte: Eine Verbündete im System, die zwar noch nach Vorschrift atmete, aber bereits die Fährte des Unrechts aufgenommen hatte.

 

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