Während Sophie damit beschäftigt war, die herbeigeeilte Sanitätstruppe einzuweisen und den aufgebrachten Urs Hinterstocker davon abzuhalten, die Spuren mit seinen polierten Schuhen zu zertrampeln, nutzte Alma die Gunst der allgemeinen Verwirrung. Sie wusste, dass die offizielle Spurensicherung aus Zürich Stunden brauchen würde, um den Rössliplatz in einen sterilen Tatort zu verwandeln – Stunden, in denen der Wind den flüchtigen Beweis längst fortgeweht haben könnte. Mit der lautlosen Präzision ihres „Ferraris“ schlich sie sich an das Kopfende des Standes, dort, wo der Körper des Bäckers die Mehlberge wie ein gestürztes Monument durchbrach.
Ihre Augen, die in unzähligen Nachtwachen gelernt hatten, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, scannten die Kleidung des Toten. Es war keine gewöhnliche Bäckerkluft; das Material war teuer, fast schon eitel, passend zum Charakter des jungen Mannes. Doch am Kragen seines dunklen Polohemds, direkt unter dem linken Kieferwinkel, entdeckte sie etwas, das dort nicht hingehörte. Es war kein Mehlstaub und auch kein Puderzucker. Es war ein winziger, fast mikroskopischer Rückstand einer öligen, grünlichen Substanz, die im kalten Licht des Vormittags einen unnatürlichen Glanz von sich gab.
Alma beugte sich tiefer, wobei das Gelenk ihres Ferraris ein leises, warnendes Knarren von sich gab. Mit der Geschicklichkeit einer erfahrenen Nachtschwester, die schon tausendmal Katheter im Halbdunkel gewechselt hatte, zog sie ein sauberes Papiertaschentuch aus ihrer Strickjacke. Sie tupfte nicht – sie nahm die Probe mit einer fliessenden Bewegung auf, als würde sie eine Wunde reinigen. In diesem Moment schlug ihr erneut dieser stechende Geruch entgegen, intensiver nun, eine chemische Boshaftigkeit, die sich unter das Aroma des Bio-Dinkels gemischt hatte. Es war kein Gift, das man isst. Es war ein Gift, das man berührt.
„Frau Obermaier! Was machen Sie da schon wieder?“, Sophies Stimme gellte über den Platz, schärfer nun, getrieben von der Angst, die Kontrolle über ihren ersten echten Kriminalfall zu verlieren.
Alma richtete sich mit einer Langsamkeit auf, die ihre innere Anspannung verbarg. Sie liess das Taschentuch in der tiefen Tasche ihrer Jacke verschwinden und wandte sich der jungen Polizistin zu. „Ich kontrolliere nur, ob der Junge vielleicht an einer allergischen Reaktion gelitten hat, Sophie. Man kann ja nie wissen bei diesem modernen Urkorn-Hype.“
Doch ihr Blick galt nicht Sophie. Er galt dem Stand direkt gegenüber – dem Kräuterstand von Gisela Moosbacher. Gisela stand dort, die Arme fest vor der Brust verschränkt, das Gesicht eine Maske aus Stein, während sie mit den Fingerspitzen ihrer rechten Hand rhythmisch auf ihren Unterarm trommelte. Es war ein nervöses Tapping, ein klassisches Zeichen für eine Überreizung des vegetativen Nervensystems, wie Alma sofort diagnostizierte. Doch es war nicht Giselas Gesicht, das Alma erschrecken liess. Es war die Tatsache, dass Gisela eine leere Stelle in ihrer Auslage hatte – genau dort, wo normalerweise die Fläschchen mit den hochkonzentrierten ätherischen Ölen standen.
Alma spürte ein kaltes Rieseln auf ihrem Rücken, das nichts mit dem Wetziker Herbstnebel zu tun hatte. Sie griff in ihre Tasche und fühlte das Papier ihres Archivs, die Todesanzeige, die sie am Morgen so sorgsam ausgeschnitten hatte. Mit einem Mal ergaben die Puzzleteile einen Sinn, der weit über einen einfachen Marktplatzstreit hinausging. Der Bäcker war nicht das erste Opfer dieses lautlosen Krieges in Robenhausen, und wenn ihre Vermutung stimmte, war er auch nicht das letzte.
Sie ergriff die Griffe ihres Rollators und wendete das Gefährt mit einem energischen Ruck. „Komm, Ferrari“, murmelte sie so leise, dass nur sie selbst es hören konnte. „Wir haben zu Hause etwas nachzuschlagen, das nicht in Sophies Protokollen steht.“
Als sie den Rössliplatz verliess, ohne sich noch einmal nach dem Chaos oder dem wutschnaubenden Quartiervereinspräsidenten umzusehen, wusste sie: Woche eins war vorbei. Der Mord war geschehen, die Saat des Misstrauens gesät. Doch das wahre Gift, dasjenige, das die Fundamente von Robenhausen zerfressen würde, lag noch verborgen in ihrem Archiv.
