Kapitel 16 Die letzte Visite am Rössliplatz

Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Nebelschleier über dem Pfäffikersee durchbrachen, war der Rössliplatz von einer unnatürlichen Ruhe erfüllt. Die Backstube war nun mit gelbem Polizeiband versiegelt – ein greller Kontrast zum grauen Stein der Gassen. Schlemmer und Gisela waren abgeführt worden, ihre Arroganz unter dem Gewicht der digitalen Geständnisse zerbrochen, die Sophie über das Mikrofon am Rollator aufgezeichnet hatte.

Alma sass auf ihrer Stammbank, den „Ferrari“ sicher neben sich geparkt. Er hatte ein paar neue Kratzer am Lack, doch für Alma waren es Ehrenzeichen. Vor ihr stand ein frischer Becher Kaffee, dieses Mal mit der dreifachen Menge Zucker. Sophie setzte sich schweigend neben sie. „Wir haben die Akten von 1984 gefunden, Alma. Schlemmer hatte sie in einem Tresor hinter den Bauplänen versteckt. Ohne Ihren ‚Kaffeeklatsch‘ hätten wir nie die rechtliche Handhabe für die Durchsuchung gehabt.“

Alma nickte langsam und blickte auf die friedliche Szenerie des Marktes, der trotz allem langsam wieder zum Leben erwachte. „Die Wahrheit ist wie ein Abszess, Sophie. Man kann ihn unter teuren Salben verstecken, aber irgendwann bricht er auf.“ Sie griff in ihren Rollatorkorb und zog die aktuelle Ausgabe des Zürcher Oberländers hervor. Mit sicherem Griff schlug sie die Todesanzeigen auf. „Wissen Sie, Sophie, im Nachbardorf gibt es da eine Baugenossenschaft, deren Bilanz so ungesund aussieht wie Herberts Leberwerte…“ Sie zog ihren roten Filzstift hervor und setzte einen präzisen Kreis. „Der Ferrari braucht bald wieder Auslauf.“

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