Kapitel 12 Das Geständnis im kalten Licht

Sabine trat einen weiteren Schritt in den fahlen Lichtkegel der Strassenlaterne, und ihr Gesicht war eine Fratze aus Gier und nacktem Terror. Sie hielt die Spritze wie einen Dolch, die klare Flüssigkeit darin schimmerte bösartig violett im fahlen Schein.
„Glaubst du, ich habe Angst vor einer Erpressung?“, rief sie in die Schatten der Backstube, während ihre Stimme sich fast überschlug. „Lukas war eine Belastung! Er wollte alles hinschmeissen, wollte zur Polizei gehen, nur weil er ein paar Zahlen in den alten Büchern gefunden hatte. Er verstand nicht, dass Schlemmer uns gross machen wollte! Die Senioren-Residenz war unsere Eintrittskarte aus diesem verstaubten Dorf!“
Sie lachte, ein hohles, verzweifeltes Geräusch. „Gisela hat mir gezeigt, wie einfach es ist. Ein kleiner Tupfer auf den Kragen, ein winziger Kontakt an der Halsschlagader, wenn er sich das Hemd richtet. ‚Natürliche Ursache‘, hat Schlemmer versprochen. Er hat die Akten von 1984 gesäubert – er weiss, wie man Spuren tilgt. Und ich? Ich bekomme die Bäckerei, das Land und das Geld, das Lukas mir verweigert hat!“
Alma spürte, wie Sophie neben ihr vor Entsetzen erstarrte. Das Geständnis war vollständig. Jedes Wort war ein Sargnagel für das Trio.
„Genug“, sagte Alma und trat mit ihrem demolierten Rollator aus dem Schatten. Das Licht der Laterne traf ihr Gesicht und betonte jede tiefe Falte, jeden Ausdruck ihrer unerschütterlichen Autorität. „Es reicht, Sabine. Lukas war kein Held, aber er war ein Mensch. Du bist nur ein Parasit, der sich an alten Sünden nährt.“
Sabine starrte Alma an. Für einen Moment schien ihr Gehirn die Information nicht verarbeiten zu können. Dann weiteten sich ihre Pupillen zu schwarzen Abgründen. „Du? Die alte Nachtschwester?“ Ein hässliches Knurren entwich ihrer Kehle. „Du hast das Handy gar nicht. Du hast nichts! Nur deine Geschichten von früher!“
Mit einer Geschwindigkeit, die man der zierlichen Frau nicht zugetraut hätte, stürzte Sabine nach vorne. Sie ignorierte die Dunkelheit, in der Sophie noch verborgen war, und zielte mit der Spritze direkt auf Almas entblößten Hals. „Dann stirbst du eben wie er! Eine weitere ‚verwirrte Rentnerin‘ mit Herzversagen!“
Alma hob instinktiv den Arm, um den Einstich abzuwehren, doch ihre Reflexe waren den Jahren geschuldet zu langsam. Die Nadelspitze war nur noch Zentimeter von ihrer Haut entfernt, als ein ohrenbetäubender Knall die Stille der Nacht zerriss.
Sophie war hervorgesprungen. Sie hatte nicht geschossen, sondern Sabine mit der Wucht ihres gesamten Körpers gerammt. Die beiden Frauen prallten hart gegen die gemauerte Wand der Backstube. Die Spritze flog in einem hohen Bogen davon und zerbarst auf dem Kopfsteinpflaster, wo sich der violette Inhalt zischend in den Rissen verteilte.
„Polizei! Am Boden bleiben! Sofort!“, brüllte Sophie. Ihre Stimme zitterte nicht mehr; sie war nun das Gesetz. Mit einem routinierten Griff, den sie in der Ausbildung tausendfach geübt hatte, drehte sie Sabines Arm auf den Rücken und drückte ihr Gesicht in den kalten Mehlstaub der Rampe.
Sabine kreischte und fluchte, während die Handschellen mit einem harten, endgültigen Klicken zuschnappten.
Alma liess die Luft aus ihren Lungen fließen und stützte sich schwer auf den verbogenen Griff ihres „Ferraris“. Ihr Herz raste, doch ihr Blick blieb klinisch kühl. Sie sah auf die zerbrochene Spritze hinunter.
„Gute Arbeit, Polizeimeisterin Unterdorf“, sagte Alma leise, während in der Ferne nun doch die Sirenen von Retos Verstärkung aufheulten. „Aber halten Sie die Handschellen bereit. Wir haben noch einen Bürgermeister und eine Kräuterhexe, die auf ihre letzte Abrechnung warten.“
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