Kapitel 11 Das Gift des Zweifels

Der Polizeiposten war nun vollends zum Schauplatz einer Verschwörung geworden, die sich weit jenseits des offiziellen Dienstweges bewegte. Alma stand am Fenster und beobachtete, wie die ersten blassen Streifen der Dämmerung den Kirchturm von Robenhausen konturierten. In ihren Händen hielt sie das Handy des Toten, als wäre es eine entsicherte Granate.
„Frau Obermaier, wir können das nicht tun“, flüsterte Sophie, während sie nervös an ihrem Koppel zupfte. Ihr Blick huschte immer wieder zur Tür, hinter der man das ferne, beruhigende Schnarchen von Reto Zürcher hörte. „Einen Köder auswerfen, ohne Verstärkung, ohne richterlichen Beschluss… wenn das rauskommt, ist meine Karriere in Wetzikon beendet, bevor ich meine erste Gehaltserhöhung sehe.“
Alma drehte sich langsam um. Das Blaulicht-Hämatom an ihrem Hals wirkte im fahlen Morgenlicht wie ein Ehrenabzeichen. „Kindchen, Ihre Karriere ist bereits beendet, wenn wir zulassen, dass Schlemmer und seine Komplizen die Beweise verbrennen, während wir auf ein Formular warten. In der Pflege lernt man: Wenn der Patient keine Luft mehr bekommt, fragt man nicht nach der Versicherungskarte. Man schneidet die Kehle auf.“
Sophie schluckte schwer. Ihre Hand zitterte leicht, als sie nach ihrem Funkgerät griff, es dann aber doch stecken liess. Die Unsicherheit in ihren Augen kämpfte gegen die Bewunderung für die eiskalte Entschlossenheit dieser Frau, die eigentlich im Strickkreis sitzen sollte. „Was haben Sie vor?“
„Wir antworten auf die Nachricht“, sagte Alma, und ein raubtierhaftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Aber nicht als Gisela. Wir schreiben Sabine von diesem Handy aus. Wir lassen sie glauben, ihr Plan, das Gerät im Brunnen zu versenken, sei gescheitert – und dass wir es haben.“
Mit Sophies zittriger Erlaubnis tippte Alma eine Nachricht ein. Ihre Finger flogen über das Display, als würde sie eine tödliche Medikamentendosis aufziehen: „Der Brunnen gibt zurück, was ihm nicht gehört. Treffen in zehn Minuten hinter der alten Backstube. Bring das Schweigegeld, oder der Bürgermeister erfährt, wer wirklich am Abzug stand. – A.“
„A wie Alma?“, fragte Sophie entsetzt. „Sie locken sie direkt zu sich? Das ist Selbstmord!“
„A wie Archiv, Kindchen“, korrigierte Alma sie trocken. „Sie wird denken, es sei eine anonyme Drohung. Sie wird kommen, weil sie gierig ist. Und sie wird nervös sein. Wenn sie dort erscheint, mit dem Geld oder – was noch wahrscheinlicher ist – mit einer weiteren Dosis von Giselas Spezialmischung, dann haben wir sie.“
Zehn Minuten später kauerten sie im Schatten der alten Lieferrampe der Bäckerei. Die Luft war so kalt, dass jede Inhalation in den Lungen brannte. Sophie hielt ihre Dienstwaffe fest umschlossen, der Finger am Abzugsbügel, während sie sich tiefer in ihre Jacke duckte. Sie war mutig genug, hier zu sein, aber jedes Mal, wenn ein Ast knackte, sah Alma, wie die junge Polizistin zusammenzuckte.
„Ganz ruhig, Sophie“, flüsterte Alma, die auf ihrem beschädigten „Ferrari“ lehnte wie ein General auf seinem Pferd. „Hören Sie das? Das ist nicht der Wind.“
Aus der Dunkelheit der Gasse löste sich eine Gestalt. Es war Sabine. Sie bewegte sich nicht wie eine trauernde Verlobte, sondern wie eine Schattenläuferin. In der rechten Hand hielt sie einen schweren Umschlag, in der linken… etwas Kleines, Funkelndes. Eine Spritze.
„Gisela hat gesagt, es sei vorbei“, zischte Sabine in die Dunkelheit, ihre Stimme schrill vor unterdrückter Hysterie. „Wer ist da? Zeig dich! Ich habe das Geld, aber ich schwöre, wenn du den Mund nicht hältst, schicke ich dich dorthin, wo Lukas jetzt ist!“
Sophie wollte gerade vorspringen, doch Alma hielt sie mit einer eisernen Hand am Arm zurück. „Noch nicht“, hauchte sie. „Lass sie reden. Wir brauchen das Geständnis für das Protokoll, das du so sehr liebst.“
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