Die fahle Morgensonne kämpfte sich mühsam durch die Nebelschleier, die vom Pfäffikersee herüberzogen und den Rössliplatz in Robenhausen in ein diffuses, fast gespenstisches Licht tauchten, während das Kopfsteinpflaster unter der Last der ersten Marktwagen zu ächzen schien. Alma Obermaier saß mit einer unerschütterlichen Ruhe auf der hölzernen Dorfbank, die Hände fest um einen Becher geschlossen, dessen Inhalt weit von der asketischen Schwärze entfernt war, die man einer Frau ihres Alters unterstellt hätte. Der Kaffee war hellbraun, fast karamellfarben durch einen grosszügigen Schuss Milch, und so überladen mit Zucker, dass sich am Boden des Bechers bereits eine sirupartige Schicht bildete – ein kleines, süsses Laster, das sie sich nach all den Jahren des Verzichts in den sterilen Fluren der Altenpflege mit einer gewissen Sturheit gönnte. Für die vorbeieilenden Marktbesucher mochte sie lediglich wie eine harmlose Rentnerin wirken, die den Trubel am Wetziker Wochenmarkt genoss, doch hinter ihren wachsamen Augen arbeitete ein Verstand, der vierzig Jahre lang darauf trainiert worden war, das leiseste Anzeichen von menschlichem Verfall unter der Maske der Alltäglichkeit aufzuspüren.
Mit einer präzisen, fast mechanischen Bewegung rückte sie ihren Rollator „Ferrari“ ein Stück näher an ihre Knie, wobei das polierte Metall des Gefährts das matte Licht reflektierte und wie eine stumme Wache an ihrer Seite verweilte. Ihr Blick glitt unerbittlich über die Menge, hängenbleibend bei den vertrauten Gesichtern der Nachbarschaft, während sie in Gedanken bereits die neusten Todesanzeigen aus dem Zürcher Oberländer sortierte, jene traurigen Dokumente, die sie wie Trophäen der Wahrheit in ihrem geheimen Archiv sammelte. Besonders scharf beobachtete sie dabei Urs Hinterstocker, den Präsidenten des Quartiervereins, der sich mit einer Wichtigkeit über den Platz bewegte, als hinge das Schicksal ganz Robenhausens allein von der korrekten Ausrichtung der Gemüsestände ab, wobei er jedoch vollkommen übersah, dass das wahre Unheil sich bereits in seiner unmittelbaren Nähe zusammenbraute.
Dort, am Stand mit den „Bio-Dinkel-Brötchen“, vollführte der junge Bäcker seinen wöchentlichen Auftritt, indem er mit lauter, fast schon aggressiver Stimme die Vorzüge seines Urkorns pries, während Alma jedoch mit wachsendem Unbehagen bemerkte, dass sein sonst so federnder Gang einer unnatürlichen, beinahe schmerzhaften Steifheit gewichen war. Sein Gesicht, das normalerweise die vitale Farbe eines gut gebräunten Sauerteigs trug, wies nun eine ungesunde, aschfahle Blässe auf, während seine Finger beim Einpacken der Brötchen eine fahrige Nervosität offenbarten, die in krassem Gegensatz zu seinem selbstgefälligen Gehabe stand. Anstatt den Blick abzuwenden, nahm Alma einen Schluck ihres klebrig-süssen Kaffees und registrierte, wie ein feiner Schweissfilm auf der Stirn des jungen Mannes glänzte, obwohl der herbstliche Wind, der durch die Gassen von Wetzikon pfiff, eigentlich jede Pore hätte schliessen müssen.
Es war nicht die Hektik eines erfolgreichen Markttages, die ihn zeichnete, sondern das vegetative Aufbäumen eines Organismus, der kurz vor dem totalen Zusammenbruch stand – ein Anblick, der in Alma die dunklen Erinnerungen an jene Patienten weckte, deren Lebenslichter sie in unzähligen Nachtschichten hatte flackern und schliesslich erlöschen sehen. Inmitten des geschäftigen Treibens auf dem Rössliplatz, zwischen dem Duft von frischem Alpkäse und dem metallischen Klappern der Verkaufsständer, wirkte der Bäcker wie eine falsch justierte Maschine, deren Getriebe unter einer unsichtbaren Last zu zerbrechen drohte. Alma spürte das vertraute Zucken in ihren Fingerspitzen, ein Echo ihres alten Berufslebens, während sie den letzten, zuckrigen Rest aus ihrem Becher leerte und sich darauf vorbereitete, dass die trügerische Idylle von Robenhausen jeden Moment von einem Ereignis zerrissen werden würde, das sich mit keiner Vereinsordnung der Welt hätte bändigen lassen.
