Kapitel 15 Die Mechanik der Gerechtigkeit

Das Echo von Giselas Worten schien die Backstube erzittern zu lassen. Schlemmer sprang auf, sein Gesicht nun eine Maske aus purpurnem Zorn. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass der Kaffee in den Tassen tanzte. „Genug von diesem Kaffeeklatsch! Glaubst du wirklich, dass eine ausrangierte Krankenschwester mit einem klapprigen Rollator die Ordnung in diesem Kanton stürzen kann? Wir sind Robenhausen, Alma! Wir sind das Gesetz, das Schweigen und das Blut!“

Er trat einen Schritt auf sie zu, die massigen Hände zu Fäusten geballt, bereit, die unbequeme Zeugin ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Doch er hatte die klinische Kaltblütigkeit Almas und die unterschätzte Masse ihres Gefährts unterschätzt. Mit einer winzigen, fast beiläufigen Bewegung ihrer Füsse löste sie die Arretierung der Bremsen und verlagerte ihr gesamtes Gewicht auf die Griffe des „Ferraris“.

„In der Geriatrie lernt man eines, Herbert“, sagte Alma mit einer Stimme, die so kalt war wie die Fliesen der Leichenhalle, „unruhige Patienten müssen fixiert werden, bevor sie sich selbst oder anderen schaden.“ Mit einem plötzlichen, explosiven Ruck stiess sie den Rollator nach vorne. Das schwere Metallchassis, beladen mit Almas schweren Aktenordnern im Korb, prallte mit der Wucht eines Katapults gegen Schlemmers Schienbeine. Ein hässliches, trockenes Knacken erfüllte den Raum, gefolgt von einem Schrei der Agonie, der die Stille der Nacht wie eine Sirene zerriss. Schlemmer ging in die Knie, direkt vor den Rädern des Ferraris, als würde er um Gnade flehen.

Gisela wollte zur Tür flüchten, doch Alma reagierte blitzschnell. Sie griff nicht nach einer Krücke, sondern nach dem schweren, in Leder gebundenen Archivordner aus ihrem Korb – dem Konvolut der Schande von 1984. Mit der Präzision einer Diskuswerferin schleuderte sie das schwere Buch Gisela genau vor die Füsse. Die Kräuterfrau stolperte über die gesammelten Beweise ihrer eigenen Vergangenheit und stürzte vornüber in einen offenen Sack Mehl. Eine weisse Wolke stieg auf und hüllte die Szenerie in ein gespenstisches Licht. In diesem Moment explodierte die Tür der Backstube förmlich. Sophie Unterdorf stürmte herein, die Dienstwaffe im Anschlag. „Keine Bewegung! Dr. Schlemmer, Frau Moosbacher, Sie sind festgenommen!“

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