Kapitel 13 Das Tribunal der Schatten

Die Backstube der Familie Bäck war in dieser Nacht kein Ort des Handwerks, sondern eine Bühne für ein makabres Endspiel. Das gelbliche Licht der einzigen nackten Neonröhre an der Decke flackerte rhythmisch und warf lange, zuckende Schatten auf die mehlbestäubten Wände, die wie stumme Zeugen einer jahrzehntelangen Verschwörung wirkten. Der Geruch von abgestandenem Hefe-Teig vermischte sich mit dem beissenden Aroma von Bohnerwachs und der eisigen Feuchtigkeit, die durch die Ritzen der alten Mauern kroch.

Alma Obermaier thronte auf einem einfachen Holzstuhl, ihren „Ferrari“ wie ein gepanzertes Bollwerk vor sich positioniert. Ihre Hände, gezeichnet von den Furchen eines langen Arbeitslebens, umschlossen eine Thermoskanne aus gebürstetm Stahl. Mit einer fast rituellen Langsamkeit goss sie den tiefschwarzen Kaffee in drei zerbeulte Keramiktassen. Das Dampfen des Getränks stieg in den kalten Raum auf wie der Odem eines herannahenden Unheils. „Setzen Sie sich, Herbert. Gisela. Es gibt keinen Grund zur Eile“, sagte Alma, und ihre Stimme besass die schneidende, klinische Präzision einer Oberschwester, die schon tausendmal den Tod beim Namen gerufen hatte.

Dr. h.c. Herbert Schlemmer und Gisela Moosbacher traten aus der Dunkelheit des hinteren Backraums. Schlemmer, dessen massiger Körper in dem teuren Massanzug wie ein eingesperrtes Tier wirkte, strich sich nervös über sein schütteres Haar. Seine Augen wanderten rastlos durch den Raum, suchten nach einem Fluchtweg, doch die psychologische Dominanz der alten Frau hielt ihn fest. Gisela hingegen wirkte wie eine vertrocknete Giftpflanze; ihre Haut war pergamentartig, ihre Finger krallten sich in die Wolle ihrer Strickjacke. Sie hielten Alma für ein Relikt der Vergangenheit, eine harmlose Rentnerin, deren Verstand im Nebel der Jahre verloren gegangen war. Ein fataler Irrtum, den sie mit ihrer Freiheit bezahlen würden.

Im Schatten der gewaltigen Knetmaschine, verborgen hinter einem Stapel leerer Mehlsäcke, kauerte Sophie Unterdorf. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, während sie die Kopfhörer fester an ihre Ohren presste. Das hochempfindliche Richtmikrofon, das Alma geschickt am Griff ihres Rollators verborgen hatte, übertrug jedes Flüstern, jedes verräterische Knarren der Dielenböden. Sie war die unsichtbare Jägerin, die darauf wartete, dass die Beute in die Falle trat, die Alma mit so viel Geduld ausgelegt hatte.

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