| Der Polizeiposten Wetzikon roch um vier Uhr morgens nach abgestandenem Automatenkaffee und dem beissenden Aroma von Desinfektionsmitteln – ein Geruch, der Alma nur allzu vertraut war und ihre Sinne schärfte, während sie auf einem viel zu harten Holzstuhl saß. Ihr „Ferrari“ lehnte mit verbogenem Griff wie ein verletztes Tier an der Wand, doch Alma selbst wirkte, trotz des Hämatoms, das sich langsam dunkelblau an ihrem Hals abzeichnete, wie eine thronende Richterin. | |||||||||
| Sophie Unterdorf saß gegenüber an ihrem Schreibtisch, das geborgene Handy des Bäckers vor sich auf einem sterilen weissen Tuch. Dank einer wasserdichten Hülle hatte die Technik den Sturz in den Brunnen überlebt, doch die Informationen, die das Display preisgab, schienen Sophie mehr zu verwirren als zu erleuchten. | |||||||||
| „Ich verstehe es nicht, Alma“, murmelte Sophie und rieb sich die müden Augen. „Hier sind Dutzende Nachrichten an einen anonymen Kontakt, die alle nur aus Zahlenkolonnen und Zeitangaben bestehen. 14-11-84… 02-12-84… Es sieht aus wie ein Inventar, aber es ergibt keinen Sinn. Und dann ist da dieses Foto von einem alten Grundbuchauszug, der mit einem violetten Stempel markiert ist, den ich noch nie gesehen habe.“ | |||||||||
| Alma spürte, wie ein eiskalter Schauer über ihren Rücken lief, der nichts mit der nächtlichen Kälte zu tun hatte. Diese Zahlen waren keine Inventarnummern. Es waren die Koordinaten ihres eigenen Archivs. | |||||||||
| „Geben Sie mir das Gerät, Kindchen“, sagte Alma, und ihre Stimme war so fest wie das Skalpell eines Chirurgen. | |||||||||
| „Ich darf nicht, das ist ein Beweisstück…“, setzte Sophie an, doch ein Blick in Almas unnachgiebige Augen liess sie verstummen. Sie schob das Handy ein Stück über den Tisch. | |||||||||
| Alma fixierte die Daten. „14. November 1984. Das ist der Todestag von Arthur Meili. Und der zweite Termin… das ist der Tag, an dem die Ampullen aus dem Giftschrank der Klinik verschwanden.“ Sie sah auf, und ihr Blick bohrte sich in Sophies. „Der junge Bäcker hat nicht nur Brötchen gebacken, Sophie. Er hat in der Vergangenheit gewühlt. Er hat herausgefunden, dass das Startkapital für seine Bio-Bäckerei und das Land für Schlemmers Residenz mit demselben Blut bezahlt wurden.“ | |||||||||
| Sophie runzelte die Stirn. „Sie meinen, er hat den Bürgermeister erpresst? Aber warum sollte Sabine das Handy dann verschwinden lassen? Wenn ihr Verlobter ein Erpresser war, wäre sie doch die Nutzniesserin gewesen.“ | |||||||||
| „Nicht, wenn sie diejenige war, die die Nachrichten geschrieben hat“, konterte Alma düster. „Schauen Sie sich den Schreibstil an. Diese Kälte, diese präzise Gier. Das ist nicht die Handschrift eines Bäckers, der sich um Dinkel-Seelen sorgt. Das ist die Handschrift von jemandem, der Schulden bei einer Boutique hat und über Leichen geht, um sie zu begleichen.“ | |||||||||
| Alma wusste es jetzt. Die Puzzleteile fügten sich mit einem schmerzhaften Klicken zusammen. Schlemmer lieferte das Motiv und das Geld, Gisela lieferte das Gift aus alten Beständen, und Sabine… Sabine war der Trojaner im Herzen der Bäckerei gewesen. Doch ihr fehlte das letzte Glied in der Kette: die Verbindung, die beweist, dass das Gift tatsächlich aus Giselas Garten den Weg in die Backstube fand. | |||||||||
| „Wir haben den Täter, Sophie. Oder besser gesagt: Das Trio Infernale von Robenhausen“, flüsterte Alma. „Aber Reto wird uns auslachen, wenn wir ihm mit alten Klinikdaten kommen. Wir brauchen das physische Bindeglied. Wir brauchen den Beweis, dass Sabine und Gisela gemeinsame Sache machen.“ | |||||||||
| In diesem Moment leuchtete das Display des Handys erneut auf. Eine neue Nachricht ploppte auf, von einem Absender, der nur als „G.“ gespeichert war: „Der Keller ist feucht. Die Ernte muss heute Nacht eingefahren werden. Bring den Schlüssel.“ | |||||||||
| Alma erhob sich mühsam, das Knacken in ihren Knien ignorierend. „Das ist unsere Chance, Sophie. Ziehen Sie Ihre Jacke an. Wir gehen zur Ernte.“ | |||||||||
