| Der kalte Stein des Brunnenrandes presste sich gegen Almas Wange, und der Geschmack von Eisen und abgestandenem Regenwasser füllte ihren Mund. Die blendende Taschenlampe in der Hand des Fremden brannte wie ein bösartiges Auge in ihrer Netzhaut, doch hinter dem Schleier des Schmerzes arbeitete Almas Verstand mit der kalten Präzision einer Intensivstation-Überwachung. Sie spürte den schweren Atem des Mannes über sich – ein Geruch nach billigem Tabak und jenem klinischen Reinigungsmittel, das sie bereits in der Backstube wahrgenommen hatte. | |||||||||||||||||||
| „Ein unglücklicher Sturz, Alma“, raunte die Stimme, während der Lederhandschuh sich grob um ihren Oberarm schloss, um sie hochzuzerren. „Die Versicherung wird sagen, die Bremsen hätten versagt. Ein tragisches Ende für eine so… aufmerksame Frau.“ | |||||||||||||||||||
| Doch der Angreifer hatte eine entscheidende Variable in seiner Gleichung vergessen: Almas „Ferrari“ war nicht nur eine Gehhilfe, er war ein Arsenal. | |||||||||||||||||||
| Mit einer ruckartigen Bewegung, die ihre Gelenke aufschreien liess, griff Alma nicht nach Halt, sondern nach der Seite ihres umgekippten Rollators. Dort, in einer unauffälligen Halterung, steckte ihre schwere, gusseiserne Thermoskanne – gefüllt mit dem kochend heissen, sirupartigen Kaffee, den sie sich kurz vor ihrem Aufbruch zubereitet hatte. | |||||||||||||||||||
| In einer flüssigen Bewegung, die sie tausendfach beim Umlagern schwerer Patienten trainiert hatte, schwang sie die Kanne nach oben. Mit einem hohlen Klonk traf das massive Metall das Schienbein des Angreifers. Ein unterdrückter Schrei entwich seiner Kehle, und für einen Sekundenbruchteil taumelte er zurück. | |||||||||||||||||||
| Alma nutzte den Moment der Verwirrung. Sie rollte sich zur Seite, weg von der Lichtquelle, und tastete nach dem Bremskabel ihres sabotierten Gefährts. Mit der Kraft der Verzweiflung riss sie an dem freiliegenden Draht und peitschte ihn in die Richtung, aus der sie die Schritte hörte. Das dünne Stahlseil schnitt durch die Luft und traf den Mann im Gesicht. | |||||||||||||||||||
| „Du alte Hexe!“, brüllte er, und diesmal klang die Stimme menschlicher, verzweifelter – und erschreckend vertraut. Er stürzte sich erneut auf sie, seine Hand schloss sich um ihren Hals, und Alma spürte, wie ihr die Luft wegblieb. Die Welt um sie herum begann in violetten Flecken zu zerflimmern, genau wie die grüne Substanz auf ihrem Teller. | |||||||||||||||||||
| Nicht so, dachte sie grimmig und grub ihre Fingernägel in das Handgelenk des Würgers. Nicht durch jemanden, der zu feige ist, sein Gesicht zu zeigen. | |||||||||||||||||||
| Plötzlich zerriss ein scharfer, autoritärer Knall die neblige Stille des Rössliplatzes. | |||||||||||||||||||
| „POLIZEI! WAFFE FALLEN LASSEN ODER ICH SCHIESSE!“ | |||||||||||||||||||
| Der Druck an Almas Kehle liess schlagartig nach. Ein greller Suchscheinwerfer flutete den Platz, und das schnelle Klackern von Stiefeln auf dem Kopfsteinpflaster näherte sich mit rasender Geschwindigkeit. | |||||||||||||||||||
| „Laufen Sie, verdammt!“, rief eine zweite Stimme aus der Ferne – Retos Stimme –, doch Sophie Unterdorf war bereits am Brunnen. | |||||||||||||||||||
| Der Angreifer zögerte keine Sekunde. Er stiess Alma hart von sich weg, sodass sie gegen die Speichen ihres Rollators prallte, wandte sich um und verschwand mit einem Satz in der Dunkelheit der Hintergassen, noch bevor Sophie den Abzug krümmen konnte. | |||||||||||||||||||
| „Frau Obermaier! Alma!“, Sophie kniete neben ihr nieder, die Dienstwaffe noch im Anschlag, während ihr Atem in weissen Wolken in der Nachtluft hing. „Atmen Sie! Ganz ruhig. Ich habe Sie… ich habe Sie gesehen, wie Sie aus dem Haus geschlichen sind. Gott sei Dank bin ich Ihnen gefolgt.“ | |||||||||||||||||||
| Alma hustete, ein trockenes, rasselndes Geräusch, und griff nach Sophies Arm. Ihr Blick war starr auf den Brunnen gerichtet. „Das Handy…“, krächzte sie und wies mit zitterndem Finger auf das Wasser. „Holen Sie… das Handy raus, Kindchen. Bevor er… oder sie… zurückkommt.“ | |||||||||||||||||||
