Der Rössliplatz lag da wie ein verlassenes Schlachtfeld, auf dem die Geister der vergangenen Woche um die leeren Marktstände strichen. Der Nebel hatte sich nun vollends verdichtet und schluckte das schwache Licht der Strassenlaternen, sodass die Umrisse des grossen Steinbrunnens in der Mitte des Platzes wie ein massiver, dunkler Altar wirkten. Alma bewegte sich im Schatten der Häuserfronten. Sie hatte die Reflektoren an ihrem „Ferrari“ mit schwarzem Isolierband abgeklebt; in dieser Nacht war Sichtbarkeit ihr grösster Feind.
Sie hielt den Atem an, als sie eine Gestalt bemerkte, die sich vom verwaisten Bio-Bäckerstand löste. Es war Sabine, die Verlobte des Toten. Sie trug keinen Trauerflor, sondern eine zweckmässige Windjacke, deren Kapuze sie tief ins Gesicht gezogen hatte. In ihren Bewegungen lag nichts von der theatralischen Trauer, die sie vor sieben Tagen zur Schau gestellt hatte. Sie wirkte effizient, fast gehetzt.
Alma beobachtete aus der Deckung einer Toreinfahrt, wie Sabine zum Brunnenrand trat. Das Mädchen sah sich mehrmals nervös um, wobei ihr Blick zweimal fast die Stelle streifte, an der Alma im Schatten verschmolz. Dann zog Sabine ein kleines, längliches Objekt aus ihrer Tasche – es glänzte metallisch im fahlen Licht. Ohne zu zögern, liess sie es in den tiefen Brunnenschacht gleiten. Ein unterdrücktes Plonken, gefolgt von einem leisen Glucksen des Wassers, war das einzige Grabgeläut für das Beweisstück.
Das Handy, schoss es Alma durch den Kopf. Sie hat die digitale Fährte gelöscht.
Kaum war Sabine in einer der dunklen Seitengassen verschwunden, löste Alma die Bremsen. Sie musste das Objekt bergen, bevor die morgendliche Reinigung des Brunnens alles vernichtete. Mit einer Entschlossenheit, die ihren schmerzenden Hüften Trotz bot, steuerte sie den Rollator zum Brunnenrand. Sie beugte sich über das kalte Gestein, die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt, während ihre Finger nach dem gusseisernen Gitter tasteten.
Doch bevor sie den Arm ausstrecken konnte, geschah es.
Ein hässliches, metallisches Bersten zerriss die Stille. Alma spürte, wie der linke Griff ihres „Ferraris“ unter ihrem Gewicht nachgab. Jemand hatte die Bolzen manipuliert – sauber durchtrennt, sodass sie genau in diesem Moment der Belastung nachgeben mussten.
Alma verlor das Gleichgewicht. Ihr Körper kippte vornüber gegen den harten Brunnenrand, während ihr geliebter Rollator mit einem scheppernden Geräusch zur Seite wegbrach. Hilflos am Boden liegend, den Blick auf die nassen Pflastersteine gepresst, hörte sie es: das langsame, schwere Knirschen von Schritten auf dem Kies hinter ihr.
Eine Hand, die in einem dunklen Lederhandschuh steckte, schob sich in ihr Sichtfeld und hob die Taschenlampe auf, die Alma aus dem Mund gefallen war. Das Licht wurde direkt auf ihre geblendeten Augen gerichtet.
„Sie sollten wirklich zu Hause bleiben, Alma“, drang eine tiefe, durch einen Verzerrer oder den Stoff einer Maske gedämpfte Stimme an ihr Ohr. „In Ihrem Alter sind Stürze… oft final.“
Das Letzte, was Alma hörte, war das hämische Klicken einer Schusswaffe oder eines Messers, das aufgeklappt wurde, bevor die Dunkelheit des Rössliplatzes sie vollends umschloss.
