Kapitel 5 „Das Echo der Stille“

Genau sieben Tage waren vergangen, seit der junge Bäcker am Rössliplatz vornüber in seine Dinkelbrötchen gekippt war, und doch fühlte es sich für Alma an, als wäre die Zeit in Robenhausen in einer unnatürlichen, zähen Starre gefangen. Der Markt, der normalerweise ein pulsierendes Herz aus geschäftigem Lärm und dem Duft von frischem Zopf war, wirkte heute wie eine schlecht besuchte Beerdigung. Das Tuscheln der Leute legte sich wie ein unsichtbarer, grauer Schleier über die Gassen; es war ein gedämpftes, fast schon gieriges Murmeln, das jedes Mal verstummte, wenn jemand Unbekanntes den Platz betrat.

Alma schob ihren „Ferrari“ über das Kopfsteinpflaster, das noch immer die dunklen Schatten des Regens vom Vorabend in seinen Fugen hielt. In der vergangenen Woche hatte sie kaum geschlafen. Ihre Gedanken waren unaufhörlich um jene grüne Substanz gekreist, die sie in ihrer Küche analysiert hatte – eine chemische Bosheit, die ihre Wurzeln tief in Almas eigenem, dunklem Archiv im Keller ihrer Seele zu haben schien. Jeden Tag hatte sie die Todesanzeigen im Zürcher Oberländer studiert, auf der Suche nach Namen, die wie Echos aus dem Jahr 1984 klangen, doch das Dorf schwieg sie an.

Heute war sie zurückgekehrt, nicht um einzukaufen, sondern um die Anatomie der Angst zu sezieren. Der Stand des toten Bäckers war verwaist, mit gelbem Polizeiband abgesperrt, das im herbstlichen Wind ein hohles, flatterndes Geräusch von sich gab – wie der verzweifelte Flügelschlag eines gefangenen Vogels. Doch nur wenige Meter daneben, dort, wo die Kräutertees von Gisela Moosbacher normalerweise für wohlige Wärme sorgen sollten, herrschte eine fast feindselige Betriebsamkeit.

Gisela stand hinter ihrem Tresen, die Hände tief in den Taschen ihrer groben Strickjacke vergraben. Ihr Blick huschte nervös über die spärlichen Kunden, als erwarte sie, dass jeden Moment das Gesetz in Form von Handschellen über sie hereinbrechen würde. Alma bemerkte sofort, dass die Kräuterfrau ihre Auslage verändert hatte: Die beruhigenden Teemischungen waren in den Hintergrund gerückt, während Tinkturen aus Beinwell und Eisenhut – Pflanzen, die so schön wie tödlich waren – nun prominent in der ersten Reihe glänzten.

Alma steuerte ihren Rollator direkt auf Giselas Stand zu, wobei das metallische Klackern der Räder auf den unebenen Steinen wie ein Countdown wirkte.

„Sieben Tage, Gisela“, sagte Alma ohne Umschweife, während sie ihren Rollator so hart gegen die Holzkante des Standes rammen liess, dass die Teedosen leise klirrten. „Sieben Tage, in denen der Boden hier mehr Geheimnisse geschluckt hat als die Kräuter in deinem Garten. Die Leute sagen, der Junge hätte sich schlicht übernommen. Aber du und ich, wir wissen, dass Mutter Natur manchmal ein wenig… nachhilft, wenn man sie darum bittet, nicht wahr?“

Gisela hob den Kopf. Ihre Haut wirkte im fahlen Licht noch pergamentartiger als sonst, und in ihren Augen brannte ein Licht, das Alma nur allzu gut kannte: Es war die schiere, nackte Existenzangst eines Raubtiers, das spürt, dass die Falle bereits zugeschnappt ist.

Das Duell der Blicke dauerte an, während um sie herum das Dorfleben in einer Art makabrem Zeitlupentempo erstarrte. Ein kleiner Junge, der an einem Apfel kaute, blieb stehen und starrte die beiden Frauen an, bis seine Mutter ihn mit einem harschen Ruck am Arm weiterzog, als sei die Luft rund um den Kräuterstand von einer ansteckenden Krankheit verpestet.

Alma legte den Kopf schief. „Weisst du, Gisela, das Gedächtnis ist ein seltsames Instrument. Die meisten Menschen hier erinnern sich nur daran, wie der Junge im Mehl lag. Aber ich erinnere mich an die fünf Minuten davor. Ich erinnere mich, wie du deine Handschuhe gewechselt hast. Mitten im Juli. Ein strahlend weisses Paar, als hättest du eine Operation am offenen Herzen vor, statt nur ein paar Beutel Hagebuttentee zu verkaufen.“

Gisela Moosbacher umklammerte die Kante ihres Tresens so fest, dass das alte Holz leise knarrte. „Es war heiss, Alma. Meine Hände schwitzen. Ist es jetzt schon ein Verbrechen, in diesem verfluchten Dorf auf Hygiene zu achten?“

„Hygiene ist ein dehnbarer Begriff“, konterte Alma, und ihre Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern, das unter dem Flattern des Polizeibandes fast verschwand. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Pachtplatz hier am Brunnen – die beste Lage auf dem ganzen Rössliplatz – nun wieder frei wird. Ein glücklicher Zufall für jemanden, dessen Umsatz in den letzten Monaten so stark geschrumpft ist wie eine getrocknete Tollkirsche, nicht wahr?“

Sie beobachtete genau, wie ein einzelner Schweisstropfen an Giselas Schläfe entsprang und langsam in einer der tiefen Falten ihres Gesichts verschwand.

„Du wagst es…“, zischte Gisela, und plötzlich blitzte etwas in ihren Augen auf, das nichts mehr mit Angst zu tun hatte. Es war reine, destillierte Bösartigkeit. Sie beugte sich über ihren Stand, so weit, dass Alma den beissenden Geruch von getrocknetem Salbei und ungewaschener Wolle riechen konnte. „Du mit deinem Archiv, Alma. Glaubst du, ich weiss nicht, warum du nachts in deinem Keller sitzt und die alten Akten aus dem Spital wälzt? Du suchst nicht nach Gerechtigkeit. Du suchst nach einem Weg, dein eigenes Gewissen zum Schweigen zu bringen. Was ist mit den Patienten passiert, die unter deiner Aufsicht einschliefen und nie wieder aufwachten? War da auch immer ‚Mutter Natur‘ im Spiel?“

Der Schlag saß. Alma spürte einen kurzen, eisigen Stich in der Brust, jenes vertraute Echo von 1984, das sie wie einen Parasiten in sich trug. Doch sie liess sich nichts anmerken. In der Altenpflege lernte man, Schmerz zu maskieren, bis er unter einer Schicht aus professioneller Distanz erstickte.

„Der Unterschied zwischen uns beiden, Gisela, ist ganz einfach“, sagte Alma mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte. „Ich habe versucht, das Licht brennen zu lassen. Du hingegen scheinst dich in der Dunkelheit zwischen den Wurzeln erst so richtig wohlzufühlen. Aber sag mir eines: Hat der Junge gelitten? Oder war das Alkaloid so hoch konzentriert, dass sein Nervensystem gar keine Zeit mehr hatte, um Hilfe zu schreien?“

Gisela wich zurück, als hätte Alma sie körperlich geschlagen. Ihr Gesicht wurde aschfahl, die Farbe von verbranntem Papier. „Verschwinde, Alma. Geh und füttere deine Geister in deinem Keller. Wenn du die Nase noch einmal in meine Angelegenheiten steckst, werde ich dafür sorgen, dass der nächste Tee, den du trinkst, dein allerletzter ist. Und glaub mir, ich kenne Mischungen, die kein Pathologe in diesem Kanton jemals in deinem Blut finden wird.“

Alma löste die Bremsen ihres „Ferraris“ mit einem deutlichen Klicken. „Das nehme ich als Geständnis deiner Fachkenntnis, Gisela. Wir sehen uns beim Kaffeeklatsch.“

Sie drehte ihren Rollator mit einer herrischen Bewegung um und liess die Kräuterfrau im Schatten ihres eigenen Standes zurück. Während sie sich in Richtung Rathaus aufmachte, spürte Alma die Blicke der Marktbesucher wie Nadelstiche in ihrem Rücken. Das Tuscheln wurde lauter. Sie hatte den ersten Stein in den dunklen Teich von Robenhausen geworfen, und die Wellen begannen bereits, die Ufer zu überspülen

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