Das ferne, klagende Heulen einer Sirene schnitt durch die neblige Luft von Wetzikon wie eine stumpfe Säge durch morsches Holz. Auf dem Rössliplatz hatte sich die anfängliche Schockstarre in eine gefährliche Mischung aus Voyeurismus und kopfloser Betriebsamkeit verwandelt, während Urs Hinterstocker immer noch versuchte, mit grossspurigen Gesten eine Ordnung wiederherzustellen, die er längst verloren hatte. Alma stand unbeweglich wie ein Fels in der Brandung direkt am Stand des Bäckers, die Hände fest um die Griffe des „Ferraris“ geschlossen, während ihr Blick nicht von dem Leichnam wich, der nun wie eine groteske Puppe inmitten seiner eigenen Waren ruhte.
Mit einem kreischenden Quietschen der Reifen kam der Streifenwagen der Kantonspolizei am Rande des Marktplatzes zum Stehen. Die Türen flogen auf, und eine junge Beamtin sprang heraus, deren Uniform noch so steif und neu wirkte, als wäre sie gerade erst aus der Verpackung genommen worden. Es war Sophie, die Tochter der Blumen-Hanni vom Unterdorf – ein Mädchen, das Alma vor zwei Jahrzehnten noch wegen einer eitrigen Angina mit Wadenwickeln kuriert hatte und das nun versuchte, mit einem Gesichtsausdruck aus künstlicher Härte den Ernst der Lage zu bändigen.
„Zurücktreten! Alle sofort zurücktreten!“, rief Sophie, wobei ihre Stimme für einen Moment gefährlich kippte, als sie das Ausmass des Chaos und die leblose Gestalt auf dem Dinkel-Berg erblickte. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, die Hand instinktiv am Griff ihres Holsters, doch als sie den inneren Kreis erreichte und in das unnachgiebige Gesicht von Alma Obermaier blickte, schmolz ihre professionelle Fassade für den Bruchteil einer Sekunde dahin.
„Frau Obermaier? Was machen Sie denn hier? Sie müssen hinter die Absperrung“, stammelte Sophie, während sie versuchte, das flatternde Absperrband an einem Pfosten zu befestigen, doch ihre Finger zitterten so stark, dass der Knoten sich immer wieder löste.
Alma rührte sich keinen Millimeter. Sie fixierte die junge Polizistin mit einem Blick, der keine Widerrede duldete, und sagte mit einer Stimme, die so trocken war wie der Staub in ihrem Archiv: „Kindchen, lass das Band erst einmal gut sein und schau dir lieber den Kehlkopf des Jungen an. Wenn du nach dem Lehrbuch suchst, wirst du hier scheitern, bevor du den ersten Bericht getippt hast. Das hier war kein Kreislaufkollaps, den man mit einem Schluck Wasser und gutem Zureden löst.“
Urs Hinterstocker drängte sich dazwischen, das Gesicht rot vor unterdrückter Wut darüber, dass eine Rentnerin das Kommando übernahm. „Frau Obermaier, bitte! Die Polizei ist jetzt hier. Überlassen Sie das den Fachleuten. Wir haben hier eine tragische medizinische Notlage, nichts weiter.“
„Fachleute?“, entgegnete Alma, wobei sie den Ferrari mit einem ruckartigen Manöver direkt vor Hinterstockers glänzende Schuhe lenkte. „Urs, du hast in deinem Leben nichts Gefährlicheres gesehen als eine falsch ausgefüllte Spesenabrechnung. Schau dir die Verfärbung seiner Fingernägel an. Siehst du dieses tiefe Blau? Das ist die Handschrift eines Erstickungstodes, der von innen kam. Und wenn du deine Nase für einen Moment aus deinen Quartiersangelegenheiten ziehen würdest, könntest du den Geruch wahrnehmen, der hier über dem Dinkel hängt – ein Aroma, das nicht in eine Backstube gehört, es sei denn, man mischt Blausäure unter den Teig.“
Sophie hielt inne, das Absperrband schlaff in der Hand. Sie kannte diesen Tonfall. Es war derselbe Tonfall, mit dem Alma damals ihre Mutter zurechtgewiesen hatte, als diese versuchte, eine schwere Grippe mit Homöopathie zu behandeln. Die junge Polizistin trat einen Schritt näher an den Stand, wobei sie mühsam ihren Würgereiz unterdrückte, und sah zum ersten Mal wirklich hin. In diesem Moment wurde ihr klar, dass der Rössliplatz in diesem kalten Wetziker Morgen nicht länger nur ein Ort eines tragischen Unglücks war, sondern ein Schauplatz des Bösen – und dass die einzige Person, die die Fäden in diesem Chaos in den Händen hielt, die alte Dame mit dem roten Rollator war.
Alma spürte, wie der Widerstand der Polizei zu bröckeln begann. Ihr Blick wanderte weg von Sophie, weg von Hinterstocker und hin zu der gaffenden Menge, die sich hinter dem nun doch mühsam gespannten Band drängte. Dort, im Schatten der alten Linde, sah sie eine Gestalt, die sich hastig abwandte, als sich ihre Augen trafen – eine Bewegung, die zu schnell, zu flüssig und zu erleichtert war für jemanden, der gerade einen Nachbarn verloren hatte. Das Spiel hatte begonnen, und Alma wusste, dass sie ihre nächste Todesanzeige nicht im Archiv finden würde, sondern dass sie sie gerade selbst schrieb.
