Es geschah in jenem tückischen Augenblick der Stille, der oft dem Bersten eines Damms vorausgeht. Der junge Bäcker wollte gerade nach einer hölzernen Zange greifen, um eine besonders goldbraune Dinkel-Seele für eine ungeduldige Kundin einzupacken, als seine Bewegungen mitten in der Luft einfroren, als hätte ein unsichtbarer Puppenspieler die Fäden gekappt. Alma, die ihren leeren Becher mit einer beinahe andächtigen Behutsamkeit neben sich auf die Bank gestellt hatte, sah, wie sich seine Pupillen weiteten, bis das Blau seiner Iris nur noch ein schmaler, verzweifelter Ring war. Ein kurzes, trockenes Rapseln drang aus seiner Kehle, ein Geräusch, das Alma nur allzu gut kannte – es war das letzte Aufbegehren der Lungenflügel gegen eine Lähmung, die sich mit gnadenloser Effizienz durch sein Nervensystem fraß.
Dann gab die Schwerkraft ihr Urteil ab. Mit einer Wucht, die die Auslage erzittern liess, kippte der junge Mann vornüber, wobei sein Körper die sorgsam aufgetürmten Pyramiden aus Backwaren in einer Kaskade aus Krümeln und Mehlstaub unter sich begrub. Das dumpfe Geräusch seines Aufschlags auf dem massiven Eichenholz des Standes hallte wie ein Kanonenschlag über den Rössliplatz und liess das eben noch geschäftige Gemurmel der Wetziker Marktbesucher schlagartig ersterben. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Zeit in Robenhausen stillzustehen, gefangen in einem tableau vivant des Entsetzens, bevor die kollektive Starre in ein ungeordnetes Chaos aus hysterischen Schreien und kopfloser Hektik umschlug.
„Ein Arzt! Rufen Sie einen Arzt!“, brüllte Urs Hinterstocker, wobei seine Stimme, die sonst so sicher durch jede Quartiervereinssitzung führte, nun brüchig und schrill wie die einer aufgeschreckten Krähe klang. Er fuchtelte wild mit seinen fleischigen Armen in der Luft herum, doch anstatt zu helfen, stolperte er lediglich zwei Schritte zurück, wobei sein Gesicht eine Farbe annahm, die fast so aschfahl war wie die des Mannes, der dort zwischen den Brötchen lag. Die Menge drängte vor, ein wallendes Meer aus Schaulustigen und Erschrockenen, das den Stand wie eine dunkle Flut umschloss und dem Sterbenden den letzten Rest an Sauerstoff zu rauben drohte.
Alma jedoch war bereits auf den Beinen. Mit einer Entschlossenheit, die ihre fünfundsiebzig Jahre Lügen strafte, packte sie die Griffe ihres „Ferraris“ und rammte die Räder mit kalkulierter Präzision über das Kopfsteinpflaster, wobei sie den Rollator wie einen eisernen Keil in die klaffende Menge trieb. „Platz da!“, herrschte sie eine junge Mutter an, die paralysiert im Weg stand, während ihr Blick bereits das Opfer sezierte, noch bevor sie den Stand überhaupt erreicht hatte. Sie registrierte den bläulichen Schimmer, der sich wie ein schleichendes Gift über die Ohrläppchen des Bäckers legte, und das feine, fast unmerkliche Beben seiner Mundwinkel – Symptome, die so gar nicht zu einem einfachen Herzversagen passen wollten, wie Hinterstocker es gerade der gaffenden Menge weismachen wollte.
Als sie den Stand erreichte, schob sie den Quartiervereinspräsidenten mit einer kurzen, herrischen Geste beiseite, die keinen Widerspruch duldete, und beugte sich über den Körper des jungen Mannes, dessen Atem nur noch ein flaches, rasselndes Echo war. Ihre Finger, die trotz der Kälte und der Aufregung ruhig blieben, suchten nicht nach dem Puls am Handgelenk – sie kannte die Antwort bereits –, sondern glitten suchend über seinen Nacken und die Ränder seiner Kleidung. Während das Schreien der Umstehenden zu einem fernen Rauschen verschwamm, das irgendwo hinter der Brandmauer ihrer Konzentration verhallte, roch sie es: einen Hauch von bitteren Mandeln, so flüchtig, dass er im Duft des frischen Gebäcks fast untergegangen wäre, doch für die Nase einer Frau, die den Tod in all seinen chemischen Facetten studiert hatte, war es das eindeutige Signum eines Verbrechens. Alma richtete sich auf, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, während ihr Blick über die Gesichter der Umstehenden glitt – irgendwo hier, zwischen den Ständen von Robenhausen, verbarg sich derjenige, der die Ordnung des Lebens so grausam korrigiert hatte.
